PABUCA – EXHIBITION

THE CUBE

Exhibitions, Ausstellungen, gibt es in Hamburg natürlich jede Menge und auch sehr interessante. Unzählige kleine und größere Galerien laden zum Bummeln ein. Einige, darunter die Galerien Morat und Hilaneh von Kories, engagieren sich sehr, nicht nur für die Künstler, sondern auch für die Besucher. Veranstaltungen, Künstlergespräche und Führungen bieten Information und Auseinandersetzung. Die Deichtorhallen, bzw. das Haus der Photographie ist in Sachen Fotografie sicher führend in Hamburg.

Im Cube der Kunsthalle wird zur Zeit die Ausstellung von Karl Lagerfeld gezeigt. Ob die Beiden die Ausstellung besucht haben, entzieht sich meiner Kenntnis, man hat aber den Eindruck, dass sie sich mehr füreinander interessieren.

Aber Ausstellung bedeutet nicht nur die Ausstellung von Kunst. Jedes Schaufenster bietet eine kleine Ausstellung und z. B. auf dem Hamburger Dulsberg gibt es kleine Läden, an deren Schaufenstern man sich die Nase platt drücken kann, weil die Ausstellung einfach spannend ist.

FULL OF SURPRISES

 

Es gibt aber auch Orte des Gedenkens, an denen ausgestellt wird. Ausstellungen, die ich für unglaublich wichtig halte, weil sie Geschichte an realen Orten emotional transportiert. So wie in der KZ-Gedächnisstätte Hamburg-Neuengamme.

DEPORTATION

 

Dies ist mein Beitrag zu Pabuca – Exibition.

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Gute Aussichten in den Deichtorhallen Teil II

Nicolai Rapp

 

Der zweite Teil meines Berichts über die “Gute Aussichten”-Ausstellung in den Deichtorhallen beginne ich mit der Arbeit, die der von Henning Bode vom Konzept her gegenüber steht.  “Dead White Men´s Clothes” von Nicolai Rapp. Ebenso wie Henning Bode, ist Nicolai Rapp in ein fremdes Land gereist, doch sind die Ergebnisse völlig unterschiedlich.

Auf den Bildern sieht man ein geschnürtes Paket, sonst nichts. Bei näherem Hinsehen entdeckt man, dass der Inhalt bunt ist und hier und da ein Teil eines Kleidungsstücks zu sehen ist. Tagtäglich entsorgt die Überfluss-Gesellschaft der westlichen Nationen ihre gebrauchten Kleidungsstücke, Altkleidercontainer und Sammelstellen gibt es reichlich. Rapp interessierte, was mit der gebrauchten Kleidung passiert, wenn sie wieder auf den Weltmarkt zurück geschickt wird. Er reiste nach Africa und machte sich auf die Suche. Er verfolgte die Altkleider-Pakete bis auf die Märkte, wo afrikanische Frauen sie verkaufen und stieß auf völliges Unverständnis, dass Menschen so gute Sachen zum Anziehen nicht behalten und auftragen, was die Afrikanerinnen zu der Annahme verleitete, dass dies die Kleidung von Toten sein muss. In seiner Arbeit ging es ihm aber nicht darum, eine Sozial-Dokumentation zu fotografieren, er reduzierte sich auf die Objekte an sich. Trotzdem gelingt ihm damit der Denkanstoß im Kopf eines jeden Betrachters.

Fabian Rook ist für sein Projekt “Desktop Evidence” auch gereist, allerdings nicht mit irgendwelchen Verkehrsmitteln, sondern mit Google Street View und in verschiedene Bildarchive. Entstanden sind fiktive Bilder, die man aber erst auf den zweiten oder gar dritten Blick als solche entlarvt. Kleine Störungen irritieren ebenso wie die Bildinhalte, die wie eine Dokumentation und zugleich unwirklich wirken. Spannend. Auf der Webseite kann man die Bilderstrecke betrachten und die ausführliche Erläuterung des Künstlers lesen.

Svetlana Mychkine zeigt “Zuckerblau”, Bilder, die in russischen Kinderheimen entstanden sind und, wie ich es empfand, sehr bedrückend wirken. Die Farben auf diesen Bildern sind schwer, ein schweres Blau-Grün. Die portraitierten Kinder wirken isoliert, teilweise fast etwas verstört, haben aber kurz vor der Aufnahme noch draußen fröhlich mit anderen Kindern gespielt, wie der Kurator erzählt. Die Farbgebung findet die russische Fotografin nicht schwer, sondern typisch russisch, denn in russischen Ämtern und Kinderheimen sei das ein ganz normaler Anblick. Im Gegenteil: Die Farben hätten etwas verbindliches und gar nichts melancholisches. Mit dieser Hintergrund-Information betrachtet man die Bilder ganz anders, was ich sehr interessant fand.

Jacob Weber hat sich erinnert. Seine Bilderstrecke “In Gegenwart” stellt den Zusammenhang zwischen öffentlichen Nachrichten und dem persönlichen Erleben von Momenten her, in denen über Katastrophen wie z. B. die “Loveparade” berichtet wurde.

Auf die Arbeiten von Susann Dietrich und Saskia Groneberg gehe ich an dieser Stelle nicht ein, weil ich dafür in der Ausstellung wirklich nicht mehr aufnahmefähig war. Kennt der eine oder andere bestimmt, irgendwann ist man “dicht”.

 

 

Gute Aussichten in den Deichtorhallen Teil I – Henning Bode

IMG_1477-BearbeitetAm Wochenende habe ich die Ausstellung “Gute Aussichten – junge deutsche Fotografie” in den Hamburger Deichtorhallen besucht. “Gute Aussichten” ist ein privat initiiertes Projekt, bei dem jedes Jahr von den verschiedenen Hochschulen und Akademien Deutschlands die vier besten Abschlussarbeiten junger Fotografen einer Jury vorgelegt werden, die darüber entscheidet, welche Arbeiten in dieser Ausstellung gezeigt werden. Diesmal sind es die Arbeiten von Susann Dietrichs, Saskia Groneberg, Svetlana Mychkine, Nicolai Rapp, Fabian Rock, Jakob Weber und Henning Bode. Da mir die Arbeit von Henning Bode besonders gut gefiel und der Künstler vor Ort persönlich über seine Motivation und Erfahrungen berichtet hat, widme ich ihm einen größeren Teil meines Berichts.

IMG_1473Henning Bode hat an der Fachhochschule Hannover Fotojournalismus und Dokumentarfotografie studiert.  Zu seinen Vorbildern zählt u. a. Walker Evans. Für das Foto-Essay “Die Kinder des Cotton”  ist er weit gereist, in den Süden der USA, ins Mississippi-Delta. Dorthin, wo Touristen auf den Spuren des Blues wandeln. Im Gegensatz zu ihnen blieb er  dort für 3 Monate. Sein Interesse an der Region erklärt der Künstler zum einen damit, dass es eine der ärmsten Regionen der USA ist und ihn die Menschen beeindrucken, deren Einfachheit und Lockerheit, mit der sie ihr hartes Los annehmen und zum anderen mit seinem Interesse am Mythos Mississippi, am Ursprung des Blues. Ausserdem ließ sich beides perfekt mit seinem fotojournalistischem und dokumentarischen Ansatz verbinden Und nach zwei Wochen war klar, dass dies seine Abschlussarbeit werden würde.

Er wählte die Form des Essays, weil (…) er verhindern wollte, zu sehr von Vorurteilen geleitet zu werden: “Der Essay ermöglicht es mir, starke, voneinander unabhängige Fotos zu produzieren.” Anders als die in sich geschlossene Reportage lässt ein Essay mehr Raum, um der Spontaneität des Augenblicks zu vertrauen und nicht mit einem dramaturgischen Konzept im Kopf zuvor festgelegten Motiven nachzujagen.” (Spiegel online)

Es ist dem Fotografen gelungen, seine Essenz der Realität auf den Bildern abzubilden, er hat einen melancholischen Blick auf die Region und die Menschen, nicht fokussiert auf die Armut. Henning Bode erzählt, dass die Menschen im Mississippi-Delta sich selbst gar nicht als arm empfinden, locker und besonders gastfreundlich sind, so dass man schon aufpassen müsse, dies nicht auszunutzen. Und wie ungewohnt es für ihn war, inmitten der Einwohner immer im Mittelpunkt zu stehen und nicht als Fotograf hinter der Kamera zu verschwinden, was sicher den meisten Fotografen so ginge. Interessant fand ich auch seinen Eindruck, dass in diesem Teil Amerikas bis heute keine Rassenvermischung stattzufinden scheint, weil das Süd- und Nordstaaten-Problem in dieser Region besonders tief verwurzelt zu sein scheint.

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Die Fotos werden gerahmt, aber ohne Glas gezeigt, was mir sehr gut gefällt, da man einen viel direkteren Blick auf die Werke hat. Der mittlere Block in der Ausstellung zeigt öffentliche Orte,rechts und links daneben wurden die privateren Portraits gehängt. Portraits seien eine tolle Art, etwas über die Region zu erzählen, so der Künstler. Die Portraits sind ausdrucksstark und kontrastreich – intensiv. Bilder, die man lange betrachtet, eben weil sie etwas erzählen.  Alle Bilder wurden analog und in schwarzweiß aufgenommen. Um die Personen realer abbilden zu können und wegen der höheren Auflösung des Negativs wurden diese mit einer Mittelfomat-Kamera (Rolleiflex) aufgenommen, erklärte mir Henning, und ruhiger würden die Bilder im 1×1-Format wirken. Beim Essay hat er sich für das Kleinbildformat entschieden. Die Fotos sind ebenso faszinierend. Die Aufnahme der Sumpflandschaft ist eine der eindringlichsten Naturaufnahmen, die ich bisher gesehen habe. Ein anderes Bild zeigt zwei abgetrennte Hirsch-Köpfe in einem Raum und wirkt schon fast surrealistisch. Die abgebildeten Szenen aus dem Leben der Menschen haben etwas so lebendiges, dass man fast meint, die Geräusche dazu zu hören. Aber bevor ich hier noch mehr ins Schwärmen verfalle, schaut euch die Bilder an, am besten live vor Ort:

Bilderstrecke  Essay

Bilderstrecke  Portraits

Gute Aussichten in den Deichtorhallen

 

->Teil II

Monalisen der Vorstädte

Die Mona Lisa kennt jeder. Es ist das wohl bekannteste Gemälde der Welt. Eine junge Frau, eine klassische Schönheit, die geheimnisvoll lächelt. Die Mona Lisa inspirierte das Berliner Fotografen-Ehepaar Ute und Werner Mahler zu einer besonderen Portrait-Serie. Eine Serie, die auch vom Umbruch handelt. Sie wollten Mädchen portraitieren, die zum einen klassische, zeitlose Gesichter haben und zum anderen im  Übergang vom Mädchen zur Frau stecken. Gesucht haben sie diese Mädchen in den Vorstädten von Reykjavik, Minsk, Berlin, Liverpool und Florenz. Vorstädte, die am Rande großer Städte liegen. Übergangsorte.

Während der drei Monate, die die Fotografen durch Europa reisten, entstanden Hunderte von Portraits. Die Arbeitsweise forderte dem Künstlerehepaar mitunter einiges an Geduld ab: Zuerst suchten sich die Mahlers den Ort, der dem Bild als Hintergrund dienen sollte.  Dort bauten sie die Plattenkamera auf und richteten den Portraitstuhl ein. Ein Stuhl ohne Lehnen, dafür aber mit einer Kopfstütze, die den Mädchen helfen sollte, ihre Haltung während der Fotositzung beizubehalten. Einer der beiden Fotografen saß für die Einstellungen und die Festlegung des Ausschnitts Modell. Dann erst hielten sie Ausschau nach einem geeigneten Mädchen, was manchmal viele Stunden gedauert hat und sprachen es an. Fast immer hatten sie Glück und die jungen Frauen, die das berühmte Gemälde alle kannten,  ließen sich bereitwillig auf das Projekt ein, nahmen auf dem unbequemen Sitzmöbel Platz und schauten in die Kamera wie die Mona Lisa, bzw. wie sie selbst die Mona Lisa in Erinnerung hatten. Die eigentliche Prozedur des Fotografierens dauerte ungefähr 20 Minuten. Zeit genug, um einen besonderen Ausdruck in den Gesichtern festzuhalten. So entstanden ganz wunderbare Bilder, von denen eine Auswahl zur Zeit in der Hamburger Galerie Morat zu sehen ist.

Dieser Film gibt einen kleinen Einblick in Arbeitsweise:

Im Künstlergespräch zur Ausstellungseröffnung am 23. März 2012 stellten die Mahlers ihre Arbeit vor und beantworteten geduldig die Fragen der Anwesenden. Am meisten schien das Publikum die Frage zu interessieren, wer denn jeweils auf den Auslöser gedrückt, sprich fotografiert hat. Die Antwort der Künstler gibt das nicht preis. Ein echtes Gemeinschaftsprojekt halt.

Im Online-Kunstmagazin art  ist ein interessantes Interview mit den Mahlers zu dieser Arbeit zu lesen.

Die Ausstellung “Monalisen der Vorstädte”  ist noch bis zum 28. April 2012 in der Galerie Morat in Hamburg zu sehen.

Das Buch zur Serie ist im Verlag Meier und Müller erschienen.

Ein Leser machte mich auf dieses Video aufmerksam, in dem Jörg M. Colberg (Verlag Meier und Müller) das Buch zur Serie ausführlich vorstellt (englisch). Sehr empfehlenswert!

Stolpersteine und ihre Angehörigen

Nur noch bis zum 4. März 2012 ist in Hamburg die Ausstellung “Stolpersteine und ihre Angehörigen” zu sehen, die ich gestern besucht habe. Gestern erst, weil gestern die Fotografin Gesche Cordes zu einem Künstlergespräch geladen hatte und ich sehr gern vom Künstler oder Kurator selbst durch eine Ausstellung begleitet werde, nicht zuletzt deswegen, weil man sehr viele Infos und Hintergrundgeschichten erfährt.

Die Geschichte der Stolpersteine begann, als der Künstler Gunter Demnig, der sich in seiner künstlerischen Arbeit schon länger mit dem Thema “Spuren” beschäftigt,  1992 in Köln den ersten Stein zum Gedenken an die Deportation von Roma und Sinti nach Auschwitz legte.  Der Stein ist mit Messing versehen und auf ihm zu lesen stehen die ersten Zeilen des Deportationserlasses Himmlers. In den Folgejahren dehnte Demnig seine Aktion auf alle von den Nazis verfolgten Gruppen aus und entwickelte das Projekt “Stolpersteine“. Seit 2002 wurden in Hamburg knapp 4.000 Stolpersteine verlegt und als die Fotografin Gesche Cordes davon las, stand für sie fest, dass sie das Projekt für Hamburg dokumentieren wollte. Von nun an nahm sie aktiv an der Verlegung der Steine teil und fotografierte die bewegenden Momente des Gedenkens der Angehörigen, die teilweise aus weit entfernten Ländern anreisten und vielfach erstmals die Möglichkeit eines Abschieds hatten. Selbstverständlich sei es eigentlich befremdlich, einen so intimen Moment als Fotografin festzuhalten, aber diese Fotos seien als Dokument der Erinnerung einfach wichtig, so Gesche Cordes, die zu jedem der Bilder die Geschichte kennt. So z. B. die von dem 13-jährigem Jungen, der, nachdem Vater, Mutter und der Bruder von den Nazis umgebracht wurden, mit dem Pass seines toten Bruder emigrierte, weil man dafür 15 Jahre alt sein musste. Er kam zur Verlegung der Stolpersteine für seine Familie und konnte endlich das Kaddisch, ein besonderes Gebet,  sprechen, was im jüdischen Glauben seine Aufgabe als nächster männlicher Verwandter war. Es sind die Geschichten von Juden, Behinderten, Homosexuellen, Sinti und Roma und politisch Verfolgten. Vor manchem Hauseingang in Hamburg liegen 12 Stolpersteine!

Die Verlegung folgt stets einem festen Ritual: Der bzw. die Steine werden mit einem schwarzen Tuch abgedeckt. Die Anwesenden werden begrüßt und lesen  Namen, Deportationstag und -ort und das Datum des Todestages ihres Verwandten vor. Sie erzählen etwas über die Opfer und dann wird der Stein enthüllt und ihrer gedacht. Dies kann sehr individuell geschehen. Manchmal wird gesungen, es werden Kerzen und Blumen auf die Gedenksteine gelegt. Einige bringen Fotos ihrer Verwandten mit und legen diese neben die Gedenksteine, damit man weiss, wem man dort gedenkt.

Individuell ist auch diese Form der dezentralen Denkmäler. Das Schicksal Einzelner steht hier im Vordergrund und die Verteilung der Stolpersteine macht uns deutlich, dass dieses Grauen mitten unter uns passiert ist und wirft die Frage auf, ob die Menschen, die damals auch in diesem Wohnhaus gewohnt haben, wirklich nichts davon mitbekommen haben? Über Stolpersteine kommen Menschen ins Gespräch. Vielleicht diejenigen, die heute in dem Haus wohnen, vielleicht Passanten, ältere und jüngere, die über sie stolpern. Stolpersteine regen zur Auseinandersetzung an, schaffen soziale Kommunikation und eine Verbindung zwischen den Generationen. So geschah es bei einer Gedenkfeier, dass die angereisten Angehörigen sagten, dass sie gar nicht wüssten, wie der Opa aussah. Das bekam ein Bewohner des Hauses mit, der ein Schulkamerad des Opas gewesen war und schnell lief er in seine Wohnung und holte ein Klassenfoto herunter, um den Angehörigen das Bild zu zeigen.

Die Bilder sind wunderbar aufgenommen. Um aus der Nähe sowohl die Angehörigen als auch die Stolpersteine auf ein Bild zu bekommen, setzte Cordes ein Weitwinkel ein und dadurch entsteht optisch der Eindruck eines geschlossenen Kreises inmitten des öffentlichen Raums. Damit die Bilder einen echten Erinnerungscharakter haben, fotografierte sie streng dokumentarisch, unverfälscht.

Stolpersteine sind übrigens nicht unumstritten und in manchen Ländern gar ganz verboten. So werden auf Wunsch der jüdischen Gemeinde in München keine Stolpersteine verlegt, weil die Steine schließlich getreten werden. Dabei hat der Künstler Demnig ausgeführt, dass man sich verbeugen muss, wenn man die Inschrift eines Stolpersteines lesen möchte. In Hamburg möchten Roma und Sinti nicht, dass die Steine hier verlegt werden. Sie hätten sie lieber in ihren Herkunftsländern. Oft wehren sich Besitzer hochwertiger Immobilien gegen die Verlegung vor ihrer Haustür, weil sie befürchten, dass ihnen unterstellt wird, unrechtmäßig in den Besitz gekommen zu sein oder schlicht eine Entwertung ihres Grundstücks fürchten. Da die Steine im öffentlichen Raum verlegt werden, können sie sich nicht dagegen wehren.

Meiner Meinung nach sind die Stolpersteine ganz wichtig gegen das Vergessen und für die Auseinandersetzung!

Da ich finde, dass die Ausstellung bzw. die Bilder  insbesondere durch die Geschichten lebendig werden, empfehle ich das Buch von Gesche Cordes, in dem sie zu jedem Bild auch die Geschichte erzählt hat.

Die Ausstellung findet nur noch bis zum 4. März 2012  im Kunsthaus Hamburg statt. Kontaktdaten und Öffnungszeiten finden sich auf der Homepage.

Sarah Moon – A Propos…..

“You have to believe in miracles and magic, more than in photography”

In Hamburg stellt die Galerie Persiehl & Heine zur Zeit eine umfangreiche Sammlung der Werke der Fotografin Sarah Moon aus. Sarah Moon ist eine Ausnahmekünstlerin. Eine, deren Aufnahmen einen staunen lassen, deren Bilder Rätsel aufgeben, eine Gänsehaut machen und auf eine wunderschöne Weise verzaubern.

Sarah Moon (*1941) hat sich die Fotografie autodidaktisch erarbeitet. Als Model lernte sie von den Fotografen, tauschte 1968 die Rolle und wechselte hinter die Kamera. Heute gehört sie zu den bekanntesten Modefotografinnen der Welt und wurde international mit großem Erfolg veröffentlicht.

Ihre Arbeiten sind poetisch, atmosphärisch dicht und wirken durch die Unschärfen verschwommen und traumhaft. Sarah Moon sagt: “Die Fotografie ist die Seele aller Momente, die Seele des Moments, den man gerade eben zu Ende gehen sah.” Und das spürt man in ihren Bildern. Bummelt man durch die Ausstellung, die überwiegend schwarzweiße Werke zeigt, spielt die Modefotografie nur eine untergeordnete Rolle und ist oft auch nicht auf den ersten Blick als solche einzuordnen. Es finden sich auch wunderschöne Landschaftsaufnahmen hier, die wie die anderen Bilder, manchmal aus einer anderen bzw. alten Welt zu kommen scheinen. Das Hamburger Abendblatt nennt es “die Ästhetik einer abgelaufenen Zeit” und das trifft es genau. Die Künstlerin arbeitet mit Polaroids und die Prints werden von deren Negativen erstellt, erklärte uns die Galeristin, außerdem lege Sarah Moon auch keinen Wert auf einen perfekten Look, so dass sie ihre Polaroids schon mal in die Tasche knüddeln würde.

Ein absolutes Highlight dieser Ausstellung ist die Präsentation von Sarah Moon´s Film “Circuss” (1995), dem ein extra Raum gewidmet ist, in dem der Film auf einem Monitor angesehen werden kann. Der Film basiert auf meinem Lieblingsmärchen  “Das Mädchen mit den Schwefelhölzern” von Hans Christian Andersen. Wunder-wunderschön! Traumhaft wie ihre Bilder, so ist auch dieser Film. Fantastisch. Leider gibt es dazu kaum Informationen im Internet.

Eine Sequenz aus ihrem Film “Missisippi One” gibt es hier auf youtube.

Das Portfolio der Fotografin ist hier zu sehen.

In folgendem, einzigartigem Video sieht man Bilder der Fotografin und hört ihre fast meditative Schilderung der Suche nach dem richtigen Moment:

Die Ausstellung ist noch bis zum 15. Februar 2012 in der Galerie Persiehl & Heine zu sehen. Kontaktdaten, Öffnungszeiten und Anfahrtsbeschreibung findet man auf der Homepage der Galerie.

Eyes on Paris – Ausstellung in den Deichtorhallen

Eyes on Paris heißt die Ausstellung, die derzeit in den Hamburger Deichtorhallen, im Haus der Photographie, zu sehen ist. Ich habe mir die Ausstellung gestern angesehen und bin begeistert. Der äußere Rahmen ist sehr gelungen. Die Raumgestaltung empfindet Pariser Bibliotheken nach und die Original-Bücher bzw. die Reprints sind anschaulich in Vitrinen zu bestaunen. An den Wänden hängen Vintage-Prints und es gibt eine Ecke mit Bildschirmen, wo man Videos ansehen kann, in denen je ein Fotobuch ausführlich besprochen wird. Die Ausstellung zeigt nicht nur eine Sammlung interessanter Fotobücher und Bilder, sondern in ihrer Gesamtheit auch die Pariser Geschichte und die Geschichte der Pariser Fotografie von 1890 bis heute.

In folgendem Video bekommt man einen kleinen Einblick in die Ausstellung und Kurator Hans-Michael Koetzle erzählt, wie es dazu kam, dass er begann, Fotobücher über Paris zu sammeln und wie schließlich die Idee  zu dieser Ausstellung entstand:

 

 

Wenn ihr die Ausstellung besuchen wollt, würde ich euch empfehlen, an einer der öffentlichen kostenlosen Führungen teilzunehmen. Man bekommt einen gezielten Einblick und erfährt vieles über die Bücher, die Fotografen, die Geschichte und sieht die Ausstellung mit diesen Informationen mit einem anderen Blick. Wenn man weiß, dass das Buch von Shinzo Fukuhara von 1922 das rarste Fotobuch über Paris ist, bestaunt man das Werk doch erst angemessen:

 

Die Ausstellung läuft noch bis zum 8. Januar 2012 und ich werde sie ganz sicher noch einmal besuchen.

Anfahrt und Öffnungszeiten sind auf der Webseite der Hamburger Deichtorhallen zu finden.

 

 

 

Jessica Backhaus im Artist Talk

Die Galerie Morat in Hamburg stellt zur Zeit einige Bilder von Jessica Backhaus aus. Am vergangenen Freitag, kurz vor der Vernissage, stellte sich die Künstlerin in einem Artist Talk einem kleinen Publikum vor, ich war auch dabei und ich bin froh darum. Ich kannte Jessica Backhaus´ Fotos bisher nur aus dem Internet und habe mich bei einigen Werken gefragt, warum sie das auf diese Weise oder warum sie es überhaupt fotografiert hat.  Das war z. B. ein angebissener Apfel, der irgendwo rumlag, ein im Wasser vergessener Ball, irgendwelche wirr um einen Pfahl gebundenen Bänder…..  Nun habe ich diese Fotografin erlebt, habe ihr zugehört, als sie von ihrem Leben und ihrer Leidenschaft für die Fotografie und für das Geheimnis zurück gelassener Gegenstände erzählt hat. Von ihrer Freundschaft zu ihrer Lehrerin Gisèle Freund, der die Künstlerin nur ein einziges ihrer Fotos gezeigt hat, weil sie immer glaubte, nicht gut genug zu sein. Von den Schwierigkeiten, das umzusetzen, was sie so gern machen wollte, weil eine Idee allein eben nicht ausreicht. Sie erzählt von dem Moment, als sie aufgeben wollte und es dann doch nicht tat. Von der Zeit, als sie in der Dunkelkammer immer mehr Abzüge für ihr erstes Projekt anfertigte und davon, wie die Freundin ihr den Anstoß für den nächsten Schritt gab: Endlich einen Dummy von ihrem Buch  “Jesus and the Cherries” anzufertigen und mit dem bewaffnet, alle Verleger auf der Frankfurter Buchmesse abzuklappern. Von dem Stolz auf ihre Arbeit und ihren Erfolg. Von ihrem aktuellen Projekt und den harten Kritiken, die sie dafür hat einstecken müssen. Die unterschwellige Botschaft habe ich vernommen: Geh mutig deinen Weg und lasse dich nicht davon abbringen!

Ich bin fasziniert von dieser fröhlichen Frau, die so konsequent und mutig macht, was sie machen möchte. Auch wenn der Weg dahin nicht einfach war. Auf ihre Biografie und frühere Projekte will ich hier nicht weiter eingehen. Der interessierte Leser möge das z. B. hier nachlesen. Mich hat die Geschichte zu ihrem aktuellen Projekt, welches mittlerweile als Buch veröffentlicht wurde, besonders beeindruckt. Nach der Trennung von ihrem Mann, kehrt sie New York nach 15 Jahren den Rücken und geht zurück nach Deutschland. Noch bevor sie wirklich hier ankommt, reist sie nach Venedig, um sich zu sortieren.

In dieser Woche entstehen die ersten Aufnahmen zu ihrer aktuellen Arbeit “I wanted to see the World”, während sie an einem Ufer sitzt und die Faszination der Spiegelungen der bunten Häuser von Burano im Wasser entdeckt. Die Fotografien zeigen teils sehr abstrakte Bilder dieser Wasser-Reflektionen. Bilder, die zu fliessen scheinen, die in Bewegung sind, wie das Leben selbst. Die Fotografin schildert, wie man ihr davon abrät, diese Serie zu publizieren, weil diese Art der Fotokunst zu “dekorativ” sei, vom Anspruch nicht an ihre vorigen Werke anknüpfen und sich schlecht verkaufen würde. Man prognostiziert ihr sogar das künstlerische Ende, da sie von nun an nur noch darauf reduziert werden würde. Es hagelt Kritik von allen Seiten, aber Jessica Backhaus bleibt dabei und veröffentlicht diese Arbeit und der Erfolg gibt ihr Recht: Auch wenn die Stimmen der Kritiker laut sind, ist es, kommerziell gesehen, ihr bisher erfolgreichstes Werk und mit einem Augenzwinkern bemerkt sie, dass sie mit dem Geld nun ihre nächsten Ideen verwirklichen kann.

In der Galerie Morat werden erstmals auch Fotografien aus ihrem neuen Projekt “Once, still and forever”,  ausgestellt, die bisher noch nicht publiziert wurden.

Die Webseite der Künstlerin erreicht man hier: Jessica Backhaus.

Hier ist ein sehr interessantes Interview mit Jessica Backhaus zu lesen: PROFIFOTO 06/2010.

Tabubrüche, Glamour und Dreck – Marilyn Minter

Es ist die erste Einzelausstellung der Werke der Amerikanerin Marilyn Minter in Deutschland und sie findet in Hamburg statt. Die Phönix-Hallen in Harburg sind der ideale Ort für diese Bilder, die teilweise weit über zwei Meter hoch sind, weil Besucher hier den Platz finden, sie aus einer angemessenen Entfernung zu betrachten. Marilyn Minter ist Malerin, Foto- und Videokünstlerin. Die Ausstellung zeigt Arbeiten aus zwei Schaffensperioden: Zum einen die jüngeren Werke, etwa ab 1990, eine Mischung aus Foto- und Malereiarbeiten,  und zum anderen die Foto-Serie “Coral Ridge Towers”, die Ende der 60er entstanden ist:

The Coral Towers - Marilyn Minter, 19691969 erstellt die damals 21jährige Minter im Rahmen ihres Studium ihre erste Fotoserie “Coral Ridge Towers”, die Bilder  ihrer suchtkranken und melancholischen Mutter zeigt. Ihre Mutter lebt abgeschottet von der Außenwelt ein Leben, welches sich fast ausschließlich im eigenen Bett abspielt, wo sie, in seidene Nachthemden gehüllt, den Tag damit verbringt, sich divenartig zu schminken, zu frisieren und sich die Nägel zu lackieren. Die Vorhänge sind stets zugezogen und Licht gibt es nur in Form von Kunstlicht. Minters Arbeit findet keine Anerkennung. Ihr wird Tabubruch vorgeworfen, die Serie als Gewaltakt, sogar als Muttermord bezeichnet. Einzig Diane Arbus  erkannte damals schon die Dramatik dieser Bilder und das Talent Minters. Die Schwarzweiß-Bilder sind von beeindruckender Offenheit, intensiv und verstörend. Hier scheint auch der Ansatz zur inhaltlichen Thematik ihrer Arbeiten zu sein.

Dazu stehen ihre Arbeiten ab 1990 optisch in krassem Gegensatz. Sie sind groß, bunt und sinnlich. Es glitzert, glamourt, perlt, tropft und saugt in allen Farben. Perlen quellen aus tiefrot geschminktenMarilyn Minter - Chewing Pink, 2009 Mündern.
Insignien der Weiblichkeit in der Nahaufnahme. Schönheit….. Doch die hat Brüche. Die sexy Highheels treten in eine Schmutzpfütze, über den perfekt geschminkten Augenlidern blüht ein Pickel, hier sind die Wimpern verklebt, da finden sich Lippenstiftspuren auf den Zähnen oder abgeblätterter Nagellack. “Ich denke, dass es in meiner gesamten Arbeit darum geht, das Saubere, Flache und Trockene loszuwerden und mit dem Schwitzigen, Derangierten, Schlampigen zu arbeiten.” (In: Twenty Questions, New York 2010) Damit hat Marilyn Minter in den 80ern begonnen und sich dadurch erst mal ins künstlerische Aus katapultiert. Ihre porn pictures, gemalt auf der Grundlage von realen Hardcore-Porno-Fotos aus einschlägigen Heften, stießen auf breite Ablehnung. 15 Jahre wurde sie ignoriert. In einem Interview nennt sie noch einen anderen Grund: Sie möchte das Normale zeigen, was sonst nicht gezeigt wird. Wovon wir alle wissen, was aber bisher niemand aufgenommen hat, weil es nicht perfekt ist.

Ihren Durchbruch hatte sie 2005 mit ihrer Retrospektive, die im Museum of Modern Art in San Francisco gezeigt wurde. 2008 nutzte Madonna Minters Video “Green Pink Caviar” für ihre Bühnenshow:

In folgendem Video erzählt die Künstlerin in den Räumen der Ausstellung etwas über sich und ihre Arbeitsweise:

Über Marilyn Minter gibt es viel Lesestoff im Internet:

Meine Empfehlung: art.net, Welt am Sonntag, Brigitte.de, Hamburg Abendblatt.de.

Lasst euch diese Ausstellung nicht entgehen, sie ist ein optisches Vergnügen! Leider kann man sie nur im Rahmen von Führungen sehen, zu denen man sich anmelden muss und mit 15€ Eintritt ist sie auch nicht gerade günstig und Harburg nicht zentral…. Dafür bekommt man eine individualisierte Führung, in der viel Raum für persönliche Gespräche und Fragen bleibt und zudem das ganze Haus zugänglich ist, welches die Sammlung Falckenberg beheimatet. Für weitere 15€ kann man den Katalog zur Ausstellung kaufen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum  12. Juni 2011. Anmelden kann man sich über die Homepage: Sammlung Falckenberg

“Unscharf” in der Hamburger Kunsthalle

©Bill Jacobsen. Interim Portrait #373

Heute war ich in der Ausstellung “Unscharf” nach Gerhard Richter in der Hamburger Kunsthalle, die ich euch nur empfehlen kann! Thematisiert wird die Wirkung von Unschärfe in fotografischen Arbeiten.  Es geht um Wahrnehmung und die Infragestellung von Wirklichkeit und Abbildung. Die Bilder irritieren und fordern uns zur Auseinandersetzung mit ihnen auf. “Sie (die Unschärfe – Anmerk. d. Verf.) schafft einen unterdeterminierten Raum, aus dem der fragende und suchende Blick des Betrachters einen Aktionsraum macht , der es dem Bild ermöglicht, aktiv zu werden und im Austausch mit dem Betrachter eine Welt entstehen zu lassen, die auf der Bildoberfläche nicht abgebildet ist. Unschärfe ist erfinderisch, und durch die Beteiligung der Einbildungskraft des Betrachters führt sie zu kleinen Geburten. Der umgekehrte Effekt, das Versinken in den Nebel des Vergessens, ist in der neuen Unschärfe selten.” (Bernd Hüppauf; 2011; in: Eine neue Unschärfe im Katalog zur Ausstellung) Diese Ausstellung ist anspruchsvoll und regt zur Reflektion des eigenen Verhältnisses zu Abbildung und Wahrnehmung an.

Zu sehen sind 125 Gemälde, Fotoarbeiten und Installationen. Z. B. die zarten Portraits von Bill Jacobsen, die Spiegel-Installationen der Künstlerin Johanna Smiatek: Tritt ein Besucher vor den Spiegel, beginnt dieser zu vibrieren und man sieht sein Spiegelbild “ wie eine Götterspeise auf Beinen”.  Beeindruckt war ich von den wunderschönen Werken  des Künstlers David Armstrong, die großformatig zu sehen sind (ca. 100 x 77 cm). Es ist übrigens ein riesiger Unterschied,  die Bilder in einem Buch oder gut gehängt und im Großformat an einer weißen Wand zu sehen!

Neben einigen Werken von Gerhard Richter, der seit 50 Jahren mit Unschärfe arbeitet, werden Arbeiten von Pablo Alonso, David Armstrong, Anna und Bernhard Blume, Michael Engler, Wolfgang Ellenrieder, Isca Greenfield-Sanders, Maxine Henryson, Nicole Hollmann, Bill Jacobson, Adam Jankowski, Tamara K.E., Wolfgang Kessler, Karin Kneffel, Peter Loewy, Marc Lüders, Ralf Peters, Qiu Shihua, Ugo Rondinone, Johanna Smiatek, Thomas Steffl, Ernst Volland, Franziskus Wendels, Michael Wesely und Paul Winstanley gezeigt.

Eine Bilderstrecke von 32 Bildern kann man in der ntv-Mediathek sehen: Link

Einen sehr ausführlichen Bericht zu den einzelnen Aspekten der Ausstellung gibt es auf now2c.com: Link.

Empfehlenswert ist auch der Katalog zur Ausstellung, der Publikationen zum Thema Unschärfe von Hubertus Gaßner, Eckhart Hoffmann, Bernd Hüppauf, Sabine Schnakenberg und Marc Wellmann  enthält.

Die Ausstellung ist noch bis zum 22. Mai 2011 zu sehen. Nähere Informationen zu den Öffnungszeiten sind auf der Homepage der Kunsthalle Hamburg zu finden.

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