Monalisen der Vorstädte

Die Mona Lisa kennt jeder. Es ist das wohl bekannteste Gemälde der Welt. Eine junge Frau, eine klassische Schönheit, die geheimnisvoll lächelt. Die Mona Lisa inspirierte das Berliner Fotografen-Ehepaar Ute und Werner Mahler zu einer besonderen Portrait-Serie. Eine Serie, die auch vom Umbruch handelt. Sie wollten Mädchen portraitieren, die zum einen klassische, zeitlose Gesichter haben und zum anderen im  Übergang vom Mädchen zur Frau stecken. Gesucht haben sie diese Mädchen in den Vorstädten von Reykjavik, Minsk, Berlin, Liverpool und Florenz. Vorstädte, die am Rande großer Städte liegen. Übergangsorte.

Während der drei Monate, die die Fotografen durch Europa reisten, entstanden Hunderte von Portraits. Die Arbeitsweise forderte dem Künstlerehepaar mitunter einiges an Geduld ab: Zuerst suchten sich die Mahlers den Ort, der dem Bild als Hintergrund dienen sollte.  Dort bauten sie die Plattenkamera auf und richteten den Portraitstuhl ein. Ein Stuhl ohne Lehnen, dafür aber mit einer Kopfstütze, die den Mädchen helfen sollte, ihre Haltung während der Fotositzung beizubehalten. Einer der beiden Fotografen saß für die Einstellungen und die Festlegung des Ausschnitts Modell. Dann erst hielten sie Ausschau nach einem geeigneten Mädchen, was manchmal viele Stunden gedauert hat und sprachen es an. Fast immer hatten sie Glück und die jungen Frauen, die das berühmte Gemälde alle kannten,  ließen sich bereitwillig auf das Projekt ein, nahmen auf dem unbequemen Sitzmöbel Platz und schauten in die Kamera wie die Mona Lisa, bzw. wie sie selbst die Mona Lisa in Erinnerung hatten. Die eigentliche Prozedur des Fotografierens dauerte ungefähr 20 Minuten. Zeit genug, um einen besonderen Ausdruck in den Gesichtern festzuhalten. So entstanden ganz wunderbare Bilder, von denen eine Auswahl zur Zeit in der Hamburger Galerie Morat zu sehen ist.

Dieser Film gibt einen kleinen Einblick in Arbeitsweise:

Im Künstlergespräch zur Ausstellungseröffnung am 23. März 2012 stellten die Mahlers ihre Arbeit vor und beantworteten geduldig die Fragen der Anwesenden. Am meisten schien das Publikum die Frage zu interessieren, wer denn jeweils auf den Auslöser gedrückt, sprich fotografiert hat. Die Antwort der Künstler gibt das nicht preis. Ein echtes Gemeinschaftsprojekt halt.

Im Online-Kunstmagazin art  ist ein interessantes Interview mit den Mahlers zu dieser Arbeit zu lesen.

Die Ausstellung “Monalisen der Vorstädte”  ist noch bis zum 28. April 2012 in der Galerie Morat in Hamburg zu sehen.

Das Buch zur Serie ist im Verlag Meier und Müller erschienen.

Ein Leser machte mich auf dieses Video aufmerksam, in dem Jörg M. Colberg (Verlag Meier und Müller) das Buch zur Serie ausführlich vorstellt (englisch). Sehr empfehlenswert!

Stolpersteine und ihre Angehörigen

Nur noch bis zum 4. März 2012 ist in Hamburg die Ausstellung “Stolpersteine und ihre Angehörigen” zu sehen, die ich gestern besucht habe. Gestern erst, weil gestern die Fotografin Gesche Cordes zu einem Künstlergespräch geladen hatte und ich sehr gern vom Künstler oder Kurator selbst durch eine Ausstellung begleitet werde, nicht zuletzt deswegen, weil man sehr viele Infos und Hintergrundgeschichten erfährt.

Die Geschichte der Stolpersteine begann, als der Künstler Gunter Demnig, der sich in seiner künstlerischen Arbeit schon länger mit dem Thema “Spuren” beschäftigt,  1992 in Köln den ersten Stein zum Gedenken an die Deportation von Roma und Sinti nach Auschwitz legte.  Der Stein ist mit Messing versehen und auf ihm zu lesen stehen die ersten Zeilen des Deportationserlasses Himmlers. In den Folgejahren dehnte Demnig seine Aktion auf alle von den Nazis verfolgten Gruppen aus und entwickelte das Projekt “Stolpersteine“. Seit 2002 wurden in Hamburg knapp 4.000 Stolpersteine verlegt und als die Fotografin Gesche Cordes davon las, stand für sie fest, dass sie das Projekt für Hamburg dokumentieren wollte. Von nun an nahm sie aktiv an der Verlegung der Steine teil und fotografierte die bewegenden Momente des Gedenkens der Angehörigen, die teilweise aus weit entfernten Ländern anreisten und vielfach erstmals die Möglichkeit eines Abschieds hatten. Selbstverständlich sei es eigentlich befremdlich, einen so intimen Moment als Fotografin festzuhalten, aber diese Fotos seien als Dokument der Erinnerung einfach wichtig, so Gesche Cordes, die zu jedem der Bilder die Geschichte kennt. So z. B. die von dem 13-jährigem Jungen, der, nachdem Vater, Mutter und der Bruder von den Nazis umgebracht wurden, mit dem Pass seines toten Bruder emigrierte, weil man dafür 15 Jahre alt sein musste. Er kam zur Verlegung der Stolpersteine für seine Familie und konnte endlich das Kaddisch, ein besonderes Gebet,  sprechen, was im jüdischen Glauben seine Aufgabe als nächster männlicher Verwandter war. Es sind die Geschichten von Juden, Behinderten, Homosexuellen, Sinti und Roma und politisch Verfolgten. Vor manchem Hauseingang in Hamburg liegen 12 Stolpersteine!

Die Verlegung folgt stets einem festen Ritual: Der bzw. die Steine werden mit einem schwarzen Tuch abgedeckt. Die Anwesenden werden begrüßt und lesen  Namen, Deportationstag und -ort und das Datum des Todestages ihres Verwandten vor. Sie erzählen etwas über die Opfer und dann wird der Stein enthüllt und ihrer gedacht. Dies kann sehr individuell geschehen. Manchmal wird gesungen, es werden Kerzen und Blumen auf die Gedenksteine gelegt. Einige bringen Fotos ihrer Verwandten mit und legen diese neben die Gedenksteine, damit man weiss, wem man dort gedenkt.

Individuell ist auch diese Form der dezentralen Denkmäler. Das Schicksal Einzelner steht hier im Vordergrund und die Verteilung der Stolpersteine macht uns deutlich, dass dieses Grauen mitten unter uns passiert ist und wirft die Frage auf, ob die Menschen, die damals auch in diesem Wohnhaus gewohnt haben, wirklich nichts davon mitbekommen haben? Über Stolpersteine kommen Menschen ins Gespräch. Vielleicht diejenigen, die heute in dem Haus wohnen, vielleicht Passanten, ältere und jüngere, die über sie stolpern. Stolpersteine regen zur Auseinandersetzung an, schaffen soziale Kommunikation und eine Verbindung zwischen den Generationen. So geschah es bei einer Gedenkfeier, dass die angereisten Angehörigen sagten, dass sie gar nicht wüssten, wie der Opa aussah. Das bekam ein Bewohner des Hauses mit, der ein Schulkamerad des Opas gewesen war und schnell lief er in seine Wohnung und holte ein Klassenfoto herunter, um den Angehörigen das Bild zu zeigen.

Die Bilder sind wunderbar aufgenommen. Um aus der Nähe sowohl die Angehörigen als auch die Stolpersteine auf ein Bild zu bekommen, setzte Cordes ein Weitwinkel ein und dadurch entsteht optisch der Eindruck eines geschlossenen Kreises inmitten des öffentlichen Raums. Damit die Bilder einen echten Erinnerungscharakter haben, fotografierte sie streng dokumentarisch, unverfälscht.

Stolpersteine sind übrigens nicht unumstritten und in manchen Ländern gar ganz verboten. So werden auf Wunsch der jüdischen Gemeinde in München keine Stolpersteine verlegt, weil die Steine schließlich getreten werden. Dabei hat der Künstler Demnig ausgeführt, dass man sich verbeugen muss, wenn man die Inschrift eines Stolpersteines lesen möchte. In Hamburg möchten Roma und Sinti nicht, dass die Steine hier verlegt werden. Sie hätten sie lieber in ihren Herkunftsländern. Oft wehren sich Besitzer hochwertiger Immobilien gegen die Verlegung vor ihrer Haustür, weil sie befürchten, dass ihnen unterstellt wird, unrechtmäßig in den Besitz gekommen zu sein oder schlicht eine Entwertung ihres Grundstücks fürchten. Da die Steine im öffentlichen Raum verlegt werden, können sie sich nicht dagegen wehren.

Meiner Meinung nach sind die Stolpersteine ganz wichtig gegen das Vergessen und für die Auseinandersetzung!

Da ich finde, dass die Ausstellung bzw. die Bilder  insbesondere durch die Geschichten lebendig werden, empfehle ich das Buch von Gesche Cordes, in dem sie zu jedem Bild auch die Geschichte erzählt hat.

Die Ausstellung findet nur noch bis zum 4. März 2012  im Kunsthaus Hamburg statt. Kontaktdaten und Öffnungszeiten finden sich auf der Homepage.

Sarah Moon – A Propos…..

“You have to believe in miracles and magic, more than in photography”

In Hamburg stellt die Galerie Persiehl & Heine zur Zeit eine umfangreiche Sammlung der Werke der Fotografin Sarah Moon aus. Sarah Moon ist eine Ausnahmekünstlerin. Eine, deren Aufnahmen einen staunen lassen, deren Bilder Rätsel aufgeben, eine Gänsehaut machen und auf eine wunderschöne Weise verzaubern.

Sarah Moon (*1941) hat sich die Fotografie autodidaktisch erarbeitet. Als Model lernte sie von den Fotografen, tauschte 1968 die Rolle und wechselte hinter die Kamera. Heute gehört sie zu den bekanntesten Modefotografinnen der Welt und wurde international mit großem Erfolg veröffentlicht.

Ihre Arbeiten sind poetisch, atmosphärisch dicht und wirken durch die Unschärfen verschwommen und traumhaft. Sarah Moon sagt: “Die Fotografie ist die Seele aller Momente, die Seele des Moments, den man gerade eben zu Ende gehen sah.” Und das spürt man in ihren Bildern. Bummelt man durch die Ausstellung, die überwiegend schwarzweiße Werke zeigt, spielt die Modefotografie nur eine untergeordnete Rolle und ist oft auch nicht auf den ersten Blick als solche einzuordnen. Es finden sich auch wunderschöne Landschaftsaufnahmen hier, die wie die anderen Bilder, manchmal aus einer anderen bzw. alten Welt zu kommen scheinen. Das Hamburger Abendblatt nennt es “die Ästhetik einer abgelaufenen Zeit” und das trifft es genau. Die Künstlerin arbeitet mit Polaroids und die Prints werden von deren Negativen erstellt, erklärte uns die Galeristin, außerdem lege Sarah Moon auch keinen Wert auf einen perfekten Look, so dass sie ihre Polaroids schon mal in die Tasche knüddeln würde.

Ein absolutes Highlight dieser Ausstellung ist die Präsentation von Sarah Moon´s Film “Circuss” (1995), dem ein extra Raum gewidmet ist, in dem der Film auf einem Monitor angesehen werden kann. Der Film basiert auf meinem Lieblingsmärchen  “Das Mädchen mit den Schwefelhölzern” von Hans Christian Andersen. Wunder-wunderschön! Traumhaft wie ihre Bilder, so ist auch dieser Film. Fantastisch. Leider gibt es dazu kaum Informationen im Internet.

Eine Sequenz aus ihrem Film “Missisippi One” gibt es hier auf youtube.

Das Portfolio der Fotografin ist hier zu sehen.

In folgendem, einzigartigem Video sieht man Bilder der Fotografin und hört ihre fast meditative Schilderung der Suche nach dem richtigen Moment:

Die Ausstellung ist noch bis zum 15. Februar 2012 in der Galerie Persiehl & Heine zu sehen. Kontaktdaten, Öffnungszeiten und Anfahrtsbeschreibung findet man auf der Homepage der Galerie.

Eyes on Paris – Ausstellung in den Deichtorhallen

Eyes on Paris heißt die Ausstellung, die derzeit in den Hamburger Deichtorhallen, im Haus der Photographie, zu sehen ist. Ich habe mir die Ausstellung gestern angesehen und bin begeistert. Der äußere Rahmen ist sehr gelungen. Die Raumgestaltung empfindet Pariser Bibliotheken nach und die Original-Bücher bzw. die Reprints sind anschaulich in Vitrinen zu bestaunen. An den Wänden hängen Vintage-Prints und es gibt eine Ecke mit Bildschirmen, wo man Videos ansehen kann, in denen je ein Fotobuch ausführlich besprochen wird. Die Ausstellung zeigt nicht nur eine Sammlung interessanter Fotobücher und Bilder, sondern in ihrer Gesamtheit auch die Pariser Geschichte und die Geschichte der Pariser Fotografie von 1890 bis heute.

In folgendem Video bekommt man einen kleinen Einblick in die Ausstellung und Kurator Hans-Michael Koetzle erzählt, wie es dazu kam, dass er begann, Fotobücher über Paris zu sammeln und wie schließlich die Idee  zu dieser Ausstellung entstand:

 

 

Wenn ihr die Ausstellung besuchen wollt, würde ich euch empfehlen, an einer der öffentlichen kostenlosen Führungen teilzunehmen. Man bekommt einen gezielten Einblick und erfährt vieles über die Bücher, die Fotografen, die Geschichte und sieht die Ausstellung mit diesen Informationen mit einem anderen Blick. Wenn man weiß, dass das Buch von Shinzo Fukuhara von 1922 das rarste Fotobuch über Paris ist, bestaunt man das Werk doch erst angemessen:

 

Die Ausstellung läuft noch bis zum 8. Januar 2012 und ich werde sie ganz sicher noch einmal besuchen.

Anfahrt und Öffnungszeiten sind auf der Webseite der Hamburger Deichtorhallen zu finden.

 

 

 

Jessica Backhaus im Artist Talk

Die Galerie Morat in Hamburg stellt zur Zeit einige Bilder von Jessica Backhaus aus. Am vergangenen Freitag, kurz vor der Vernissage, stellte sich die Künstlerin in einem Artist Talk einem kleinen Publikum vor, ich war auch dabei und ich bin froh darum. Ich kannte Jessica Backhaus´ Fotos bisher nur aus dem Internet und habe mich bei einigen Werken gefragt, warum sie das auf diese Weise oder warum sie es überhaupt fotografiert hat.  Das war z. B. ein angebissener Apfel, der irgendwo rumlag, ein im Wasser vergessener Ball, irgendwelche wirr um einen Pfahl gebundenen Bänder…..  Nun habe ich diese Fotografin erlebt, habe ihr zugehört, als sie von ihrem Leben und ihrer Leidenschaft für die Fotografie und für das Geheimnis zurück gelassener Gegenstände erzählt hat. Von ihrer Freundschaft zu ihrer Lehrerin Gisèle Freund, der die Künstlerin nur ein einziges ihrer Fotos gezeigt hat, weil sie immer glaubte, nicht gut genug zu sein. Von den Schwierigkeiten, das umzusetzen, was sie so gern machen wollte, weil eine Idee allein eben nicht ausreicht. Sie erzählt von dem Moment, als sie aufgeben wollte und es dann doch nicht tat. Von der Zeit, als sie in der Dunkelkammer immer mehr Abzüge für ihr erstes Projekt anfertigte und davon, wie die Freundin ihr den Anstoß für den nächsten Schritt gab: Endlich einen Dummy von ihrem Buch  ”Jesus and the Cherries” anzufertigen und mit dem bewaffnet, alle Verleger auf der Frankfurter Buchmesse abzuklappern. Von dem Stolz auf ihre Arbeit und ihren Erfolg. Von ihrem aktuellen Projekt und den harten Kritiken, die sie dafür hat einstecken müssen. Die unterschwellige Botschaft habe ich vernommen: Geh mutig deinen Weg und lasse dich nicht davon abbringen!

Ich bin fasziniert von dieser fröhlichen Frau, die so konsequent und mutig macht, was sie machen möchte. Auch wenn der Weg dahin nicht einfach war. Auf ihre Biografie und frühere Projekte will ich hier nicht weiter eingehen. Der interessierte Leser möge das z. B. hier nachlesen. Mich hat die Geschichte zu ihrem aktuellen Projekt, welches mittlerweile als Buch veröffentlicht wurde, besonders beeindruckt. Nach der Trennung von ihrem Mann, kehrt sie New York nach 15 Jahren den Rücken und geht zurück nach Deutschland. Noch bevor sie wirklich hier ankommt, reist sie nach Venedig, um sich zu sortieren.

In dieser Woche entstehen die ersten Aufnahmen zu ihrer aktuellen Arbeit “I wanted to see the World”, während sie an einem Ufer sitzt und die Faszination der Spiegelungen der bunten Häuser von Burano im Wasser entdeckt. Die Fotografien zeigen teils sehr abstrakte Bilder dieser Wasser-Reflektionen. Bilder, die zu fliessen scheinen, die in Bewegung sind, wie das Leben selbst. Die Fotografin schildert, wie man ihr davon abrät, diese Serie zu publizieren, weil diese Art der Fotokunst zu “dekorativ” sei, vom Anspruch nicht an ihre vorigen Werke anknüpfen und sich schlecht verkaufen würde. Man prognostiziert ihr sogar das künstlerische Ende, da sie von nun an nur noch darauf reduziert werden würde. Es hagelt Kritik von allen Seiten, aber Jessica Backhaus bleibt dabei und veröffentlicht diese Arbeit und der Erfolg gibt ihr Recht: Auch wenn die Stimmen der Kritiker laut sind, ist es, kommerziell gesehen, ihr bisher erfolgreichstes Werk und mit einem Augenzwinkern bemerkt sie, dass sie mit dem Geld nun ihre nächsten Ideen verwirklichen kann.

In der Galerie Morat werden erstmals auch Fotografien aus ihrem neuen Projekt “Once, still and forever”,  ausgestellt, die bisher noch nicht publiziert wurden.

Die Webseite der Künstlerin erreicht man hier: Jessica Backhaus.

Hier ist ein sehr interessantes Interview mit Jessica Backhaus zu lesen: PROFIFOTO 06/2010.

Tabubrüche, Glamour und Dreck – Marilyn Minter

Es ist die erste Einzelausstellung der Werke der Amerikanerin Marilyn Minter in Deutschland und sie findet in Hamburg statt. Die Phönix-Hallen in Harburg sind der ideale Ort für diese Bilder, die teilweise weit über zwei Meter hoch sind, weil Besucher hier den Platz finden, sie aus einer angemessenen Entfernung zu betrachten. Marilyn Minter ist Malerin, Foto- und Videokünstlerin. Die Ausstellung zeigt Arbeiten aus zwei Schaffensperioden: Zum einen die jüngeren Werke, etwa ab 1990, eine Mischung aus Foto- und Malereiarbeiten,  und zum anderen die Foto-Serie “Coral Ridge Towers”, die Ende der 60er entstanden ist:

The Coral Towers - Marilyn Minter, 19691969 erstellt die damals 21jährige Minter im Rahmen ihres Studium ihre erste Fotoserie “Coral Ridge Towers”, die Bilder  ihrer suchtkranken und melancholischen Mutter zeigt. Ihre Mutter lebt abgeschottet von der Außenwelt ein Leben, welches sich fast ausschließlich im eigenen Bett abspielt, wo sie, in seidene Nachthemden gehüllt, den Tag damit verbringt, sich divenartig zu schminken, zu frisieren und sich die Nägel zu lackieren. Die Vorhänge sind stets zugezogen und Licht gibt es nur in Form von Kunstlicht. Minters Arbeit findet keine Anerkennung. Ihr wird Tabubruch vorgeworfen, die Serie als Gewaltakt, sogar als Muttermord bezeichnet. Einzig Diane Arbus  erkannte damals schon die Dramatik dieser Bilder und das Talent Minters. Die Schwarzweiß-Bilder sind von beeindruckender Offenheit, intensiv und verstörend. Hier scheint auch der Ansatz zur inhaltlichen Thematik ihrer Arbeiten zu sein.

Dazu stehen ihre Arbeiten ab 1990 optisch in krassem Gegensatz. Sie sind groß, bunt und sinnlich. Es glitzert, glamourt, perlt, tropft und saugt in allen Farben. Perlen quellen aus tiefrot geschminktenMarilyn Minter - Chewing Pink, 2009 Mündern.
Insignien der Weiblichkeit in der Nahaufnahme. Schönheit….. Doch die hat Brüche. Die sexy Highheels treten in eine Schmutzpfütze, über den perfekt geschminkten Augenlidern blüht ein Pickel, hier sind die Wimpern verklebt, da finden sich Lippenstiftspuren auf den Zähnen oder abgeblätterter Nagellack. “Ich denke, dass es in meiner gesamten Arbeit darum geht, das Saubere, Flache und Trockene loszuwerden und mit dem Schwitzigen, Derangierten, Schlampigen zu arbeiten.” (In: Twenty Questions, New York 2010) Damit hat Marilyn Minter in den 80ern begonnen und sich dadurch erst mal ins künstlerische Aus katapultiert. Ihre porn pictures, gemalt auf der Grundlage von realen Hardcore-Porno-Fotos aus einschlägigen Heften, stießen auf breite Ablehnung. 15 Jahre wurde sie ignoriert. In einem Interview nennt sie noch einen anderen Grund: Sie möchte das Normale zeigen, was sonst nicht gezeigt wird. Wovon wir alle wissen, was aber bisher niemand aufgenommen hat, weil es nicht perfekt ist.

Ihren Durchbruch hatte sie 2005 mit ihrer Retrospektive, die im Museum of Modern Art in San Francisco gezeigt wurde. 2008 nutzte Madonna Minters Video “Green Pink Caviar” für ihre Bühnenshow:

In folgendem Video erzählt die Künstlerin in den Räumen der Ausstellung etwas über sich und ihre Arbeitsweise:

Über Marilyn Minter gibt es viel Lesestoff im Internet:

Meine Empfehlung: art.net, Welt am Sonntag, Brigitte.de, Hamburg Abendblatt.de.

Lasst euch diese Ausstellung nicht entgehen, sie ist ein optisches Vergnügen! Leider kann man sie nur im Rahmen von Führungen sehen, zu denen man sich anmelden muss und mit 15€ Eintritt ist sie auch nicht gerade günstig und Harburg nicht zentral…. Dafür bekommt man eine individualisierte Führung, in der viel Raum für persönliche Gespräche und Fragen bleibt und zudem das ganze Haus zugänglich ist, welches die Sammlung Falckenberg beheimatet. Für weitere 15€ kann man den Katalog zur Ausstellung kaufen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum  12. Juni 2011. Anmelden kann man sich über die Homepage: Sammlung Falckenberg

“Unscharf” in der Hamburger Kunsthalle

©Bill Jacobsen. Interim Portrait #373

Heute war ich in der Ausstellung “Unscharf” nach Gerhard Richter in der Hamburger Kunsthalle, die ich euch nur empfehlen kann! Thematisiert wird die Wirkung von Unschärfe in fotografischen Arbeiten.  Es geht um Wahrnehmung und die Infragestellung von Wirklichkeit und Abbildung. Die Bilder irritieren und fordern uns zur Auseinandersetzung mit ihnen auf. “Sie (die Unschärfe – Anmerk. d. Verf.) schafft einen unterdeterminierten Raum, aus dem der fragende und suchende Blick des Betrachters einen Aktionsraum macht , der es dem Bild ermöglicht, aktiv zu werden und im Austausch mit dem Betrachter eine Welt entstehen zu lassen, die auf der Bildoberfläche nicht abgebildet ist. Unschärfe ist erfinderisch, und durch die Beteiligung der Einbildungskraft des Betrachters führt sie zu kleinen Geburten. Der umgekehrte Effekt, das Versinken in den Nebel des Vergessens, ist in der neuen Unschärfe selten.” (Bernd Hüppauf; 2011; in: Eine neue Unschärfe im Katalog zur Ausstellung) Diese Ausstellung ist anspruchsvoll und regt zur Reflektion des eigenen Verhältnisses zu Abbildung und Wahrnehmung an.

Zu sehen sind 125 Gemälde, Fotoarbeiten und Installationen. Z. B. die zarten Portraits von Bill Jacobsen, die Spiegel-Installationen der Künstlerin Johanna Smiatek: Tritt ein Besucher vor den Spiegel, beginnt dieser zu vibrieren und man sieht sein Spiegelbild “ wie eine Götterspeise auf Beinen”.  Beeindruckt war ich von den wunderschönen Werken  des Künstlers David Armstrong, die großformatig zu sehen sind (ca. 100 x 77 cm). Es ist übrigens ein riesiger Unterschied,  die Bilder in einem Buch oder gut gehängt und im Großformat an einer weißen Wand zu sehen!

Neben einigen Werken von Gerhard Richter, der seit 50 Jahren mit Unschärfe arbeitet, werden Arbeiten von Pablo Alonso, David Armstrong, Anna und Bernhard Blume, Michael Engler, Wolfgang Ellenrieder, Isca Greenfield-Sanders, Maxine Henryson, Nicole Hollmann, Bill Jacobson, Adam Jankowski, Tamara K.E., Wolfgang Kessler, Karin Kneffel, Peter Loewy, Marc Lüders, Ralf Peters, Qiu Shihua, Ugo Rondinone, Johanna Smiatek, Thomas Steffl, Ernst Volland, Franziskus Wendels, Michael Wesely und Paul Winstanley gezeigt.

Eine Bilderstrecke von 32 Bildern kann man in der ntv-Mediathek sehen: Link

Einen sehr ausführlichen Bericht zu den einzelnen Aspekten der Ausstellung gibt es auf now2c.com: Link.

Empfehlenswert ist auch der Katalog zur Ausstellung, der Publikationen zum Thema Unschärfe von Hubertus Gaßner, Eckhart Hoffmann, Bernd Hüppauf, Sabine Schnakenberg und Marc Wellmann  enthält.

Die Ausstellung ist noch bis zum 22. Mai 2011 zu sehen. Nähere Informationen zu den Öffnungszeiten sind auf der Homepage der Kunsthalle Hamburg zu finden.

“Traummänner” in den Hamburger Deichtorhallen

Vor drei Jahren zeigte das Haus der Photographie in Hamburg die vielbeachtete Ausstellung “Traumfrauen. 50 Starfotografen zeigen ihre Version von Schönheit“. Heute startet dort der Nachfolger “Traummänner. 50 Starfotografen zeigen ihre Version vom Ideal“.

Die Crème de la Crème internationaler (Mode-)Fotografen zeigt auf rund 150, meist großformatigen Bildern ihre Vision vom heutigen Mann. Die Liste der Fotografen klingt eindrucksvoll und unter ihnen ist auch ein Hamburger zu finden, der Fotograf Thomas Leidig. Fotografiert wurden neben unbekannten Männern, meist Prominente wie Brad Pitt, Tom Cruise, George Clooney, Johnny Depp, Tim Burton, Barack Obama, John Malkovich und viele mehr.

Wer also herausfinden möchte, was sich am Bild des Mannes verändert hat, könnte hier möglicherweise eine Antwort finden. Jeder Besucher sollte auf jeden Fall ein Bild seines Traummannes mitbringen, das man im Eingangsbereich des Ausstellungsraumes auf der dafür extra vorgesehenen Wand “ausstellen” kann. Ich bin schon sehr gespannt auf das Ergebnis.

Die Ausstellung läuft vom 11. März bis zum 22. Mai 2011. Nähere Informationen zu den Öffnungszeiten sind hier zu finden.

“Aussehnsucht” – Projekt der Fotografin Rebecca Sampsons

Noch bis zum 27. Februar 2011 werden in den Hamburger Deichtorhallen die Abschlussarbeiten von 8 Fotografiestudenten ausgestellt. “Gute Aussichten” heißt die Ausstellung und findet jedes Jahr statt,  mit dem Ziel, den ambitionierten jungen Künstlern eine Plattform zu bieten, die ihnen eine große Aufmerksamkeit ermöglicht. Ich habe mir die Ausstellung angesehen und mich hat das Projekt “Aussehnsucht – When emotions fall silent” der Fotografin Rebecca Sampsons nicht mehr losgelassen.

Rebecca Sampsons ist 26 Jahre jung und lebt in Berlin. Dort hat sie auch studiert und 2009 an der Ostkreuzschule Berlin ihre Abschlussarbeit “Aussehnsucht” vorgelegt. Die zwei Worte, die in dem Titel stecken, drücken aus, worum es im Kern gehen könnte: Aussehen und Sehnsucht. Ein schön gewählter Titel für ein Projekt, welches zum Inhalt hat, Menschen mit Essstörungen zu porträtieren. Während ich mit einer geführten Gruppe durch die Ausstellungsräume schlenderte, weckten die mit 53x80cm großen, ausdrucksstarken Bilder Sampsons schon von weitem meine Aufmerksamkeit. Nah an diesen Bildern zu sein, raubt einem leicht den Atem, so intensiv sind sie. Das kommt nicht von ungefähr.

Die Fotografin litt einst selbst an einer Essstörung und ist für 3 Wochen in die Spezialklinik für Essstörungen zurückgekehrt, in der sie damals behandelt wurde. Sie lebte mit den Menschen und gewann deren Vertrauen.  Rebecca Sampsons Anliegen war es, sie so zu fotografieren, dass deren Geschichte und Seele zum Ausdruck kommt. Anders als auf vielen Fotografien von Essgestörten, wollte sie nicht deren Körper in den Mittelpunkt stellen. Ungewöhnlich auch, dass sie sowohl stark übergewichtige als auch stark untergewichtige Menschen porträtiert. In der Vorstellung im Video, erklärt die Künstlerin, dass sie die unterschiedliche Akzeptanz der verschiedenen Krankheitsbilder stört. Sehr dünne, sogar stark anorektische Menschen würden oft bemitleidet, sogar bewundert, während dicke meist verachtet würden und als schwach gelten. “Mein Eindruck ist, dass es zu sehr um den Körper geht. Dabei ist Körper lediglich das Schlachtfeld, also der Austragungsort, seelischer Konflikte.”, so die Fotografin in einem Interview mit Spiegel Online.

Man sieht der Bilderstrecke den respektvollen Umgang mit den Porträtierten an, die den Ort und die Art der Inszenierung selbst ausgesucht haben. Die Fotografin bot den Erkrankten eine Möglichkeit sich auszudrücken und ich denke, darin könnte das Geheimnis dieser Bilder liegen. Dem Betrachter offenbart sich die Aussage nicht immer sofort oder auch gar nicht. Man rätselt, hinterfragt, schaut wiederholt genau hin oder ist einfach von einem Blick, einer Geste elektrisiert. Das Foto des jungen Mannes z. B. , der den Kopf an eine Mauer lehnt und direkt in die  Kamera schaut, hat mich unmittelbar getroffen. Er schaut, als würde er mich mit diesem Blick festhalten wollen. Leider wirken die Fotos am Computer längst nicht so, wie in der Ausstellung. Hier kann man sich einige Bilder in größerer Auflösung ansehen.

In folgendem Video stellen sich alle 8 “Gute Aussichten 2010/1011″-Künstler vor, Rebecca Sampsons macht den Anfang:

“Gute Aussichten 2010/2011″ ist noch bis zum 27. Februar 2011 in Hamburg zu sehen. Ab 24. März 2011-22. Mai 2011 in Stuttgart in der VHS-Photogalerie. Danach kann man die Werke noch in den USA bewundern, denn ab 2. Juli 2011 wird sie in Washington DC, im Goethe-Institut gezeigt.

Sibylle Bergemann im Haus der Photographie

Das Haus der Photographie stellt vom 21. Januar bis zum 27. Februar 2011 Werke der  im vergangenen Jahr verstorbenen Fotografin Sibylle Bergemann aus. Die Künstlerin war Mitbegründerin der Agentur Ostkreuz. Ihr Anspruch, Menschen stets vorteilhaft und würdevoll abzulichten, zeichnete ihre Arbeiten aus.

Sie arbeitete gern auf Polaroid und schätzte die Einzigartigkeit dieser Bilder.

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