
Mein Bruder und ich mussten die Wohnung meiner Eltern auflösen. Meine Mutter ist vor Jahren verstorben, mein Vater nun endlich in dem für ihn richtigen Pflegeheim angekommen, dazu vielleicht in einem späteren Beitrag mehr. Mein Bruder und ich sind visuell orientierte Menschen. Er filmt und liebt die Fotografie, wie ich auch. Und so konnten wir uns nicht trennen von all den Fotos, die wir in Alben, Rahmen, Kästen und Umschlägen fanden. Manche kannten wir, viele aber auch nicht. Und so stöberten wir mit vielfältigen Emotionen durch die ganzen Bilder. Am Ende haben wir eine riesige Plastikbox, voll mit Fotos, auf den Dachboden geschafft. Einige Bilder habe ich mitgenommen. Und die beschäftigen mich im Moment täglich.
Fast ehrfürchtig blättere ich immer wieder durch die Fotos, die alle alt und teilweise verwittert aussehen. Sie fühlen sich gut an. Man kann ihr Alter fühlen und sehen. Die Schwarzweißen haben die Jahrzehnte gut überstanden, ganz im Gegenteil zu den Farbfotos, die in einem Zustand des Verschwindens zu sein scheinen. Während ich ein Bild in die Hand nehme, stelle ich mir vor, wie meine Eltern es vor vielen Jahren in der Hand hielten. Was haben sie wohl gefühlt? Das Babybild von mir auf dem Beitragsbild ist zerknittert, eingerissen, die Ecken eingeknickt, es war wohl lange ein Begleiter in einem dieser Portemonnaies mit Sichtfenster. Es war ein geliebtes Bild.
Das obige Bild mag ich sehr, denn es hat wohl mein Opa fotografiert und meine Mutter schaut hinter mir aus dem Fenster. 
Hunderte von Bildern, meist bunt und vom Verschwinden bedroht zeigen unsere Kindheit.
Es gibt aber auch viele Fotos, die viel älter sind. Von unserer Ur-Oma und anderen Verwandten, die wir nie kennengelernt haben. Auf manchen der Rückseiten ist vermerkt, wer darauf abgebildet ist. Aber das ist eher die Ausnahme. Aber das ist, was uns interessiert. Bilder von Bäumen, Vögeln, Stillleben wurden gleich aussortiert. Warum sollte ich ein Bild von einem See aufheben? Es sind die Menschen, die Momente ihres Lebens, die interessieren und es wert sind, für die nächste Generation aufgehoben zu werden.
Was hinterlasse ich irgendwann? Eine riesige Lightroom-Bibliothek, die vermutlich mit dem Computer entrümpelt wird. So wird es sein, machen wir uns nichts vor. Selbst wenn mein Kind sich die Mühe machen sollte, einzelne Bilder daraus zu exportieren, vermutlich nur digital, haben sie nicht diese Geschichte, die die analogen Abzüge haben, lösen keine Gefühle aus, werden nicht ehrfürchtig in den Händen gehalten und sorgsam verwahrt. Auch wenn ich ein paar Fotobücher habe drucken lassen, verbreiten diese nicht das Gefühl, welches ein 50 Jahre altes Foto verbreitet, welches durch die Hände von Menschen geglitten ist.

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