
2008 nannte ich endlich ein iPhone 3G mein Eigen. Seitdem habe ich viele Foto-Apps ausprobiert und wieder gelöscht. Auf Dauer sind nur wenige geblieben und selbst die benutze ich wirklich selten. Bis auf eine, die mich nun schon 13 Jahre lang begleitet. Der folgende Artikel ist übrigens frei von jeglicher Werbung!
2009 kam Hipstamatic (jetzt „Classic“) für das iPhone heraus und in den sozialen Netzwerken sah ich plötzlich überall diese meist quietschbunten Bildchen. Fotos, auf Nostalgie gepimpt mit den immer gleichen Filtern, denn große Auswahl schien es am Anfang nicht zu geben. Verächtlich rümpfte ich die Nase und schenkte der App keine weitere Beachtung. Ich war damals noch auf dem Trip (und in zu vielen Fotoforen unterwegs 😉 ), dass man ein Bild nur dann eine Fotografie nennen darf, wenn sie mit einer „richtigen“ Kamera, im manuellen Modus und bestenfalls im RAW-Format oder analog aufgenommen wird. Alles andere wurde verächtlich Knipserei genannt.

2011 brachte das Magazin fine art printer in der Reihe „Portfolio“ einen Artikel, der meine Aufmerksamkeit erregte. Unter dem Titel: „Hipstamatic – Das neue Pola?“ stellte das Magazin das Projekt „Life of Bob“ des Fotografen Nikolai Karo vor, welches er komplett mit der App fotografiert hat. Die Bilder gefielen mir, und wenn sogar ein so renommiertes Magazin über solche Fotos berichtet, könnte die App ja doch einen Blick wert sein.
„Bob Fadi, der Hipstagraf, in den ich mich für 100 Tage verwandelte, ist der totale Gegenpol zum aktuellen Trend, mit immer noch besseren Kameras bei noch höherer Auflösung zu fotografieren. Von den Hipstas geht ein Zauber aus, den viele Bilder trotz höchster technischer Perfektion und hyperrealister Auflösung nicht im mindestens aufweisen.“ Nikolai Karo in fine art printer 02/2011 S. 69

2010 fotografierte Pulizerpreisträger Damon Winter mit iPhone und Hipstamatic in Nordafghanistan an der Front 6 Tage die Serie „A Grunt´s Life“ und wurde dafür ausgezeichnet. Diese Serie mit beschreibenden Texten von Damon Winter findet sich übrigens in dem empfehlenswerten Buch „iPhone-Fotografie“ von National Geographic wieder. Der Fotograf François Besch ist berühmt für seine Hipstamatic-Portraits. Andy Spyra tauschte seine Holga, mit der er auch in Krisengebieten nebenher fotografierte, gegen Hipstamatic und befand: „Für mich ist das eine ernsthafte Kamera.“

Na dann….Ich lud sie also und spielte immer mal wieder damit herum. Aber so richtig warm wurde ich nicht damit. Meist diente sie mir als Zeitvertreib, wenn ich irgendwo wartete, als Beifahrerin im Auto saß oder mich anderweitig langweilte. Ich spielte mit den zufälligen Kombinationen aus Linse, Film und Blitz, wodurch der Ausschuss besonders hoch war. Den Bildern schenkte ich weiterhin kaum Beachtung und viele löschte ich sofort wieder. Die Ergebnisse waren weit weg von dem, was ich damals anstrebte, dafür hatten gelungene Aufnahmen einen unvergleichlich charmanten Vintage-Look, den man sonst nur mit analoger Aufnahmetechnik oder nachträglicher Bildbearbeitung erreichen kann. Für einen ähnlichen s/w-Look saß ich oft ziemlich lange an der Bearbeitung mit SilverEfex.

Heute bin ich froh, dass ich nicht alle Hipstas gelöscht habe, denn wenn ich so durch die Jahre scrolle, sind es oft die Hipstas, die mich emotional in den damaligen Moment zurück katapultieren. Vielleicht, weil ich in diesen Momenten mehr bei mir und dem Augenblick war, als bei einem möglichen Motiv und der Technik. Ich kann allerdings nicht mehr alle Linsen und Filme nachvollziehen, da in Lightroom die entsprechenden Metadaten zwischendurch für eine längere Zeit nicht vermerkt wurden.

Von Anfang an benutzte ich die App im klassischen Modus und nur im quadratischen Format. Gespeichert wird ausschließlich das Hipsta, nicht zusätzlich das RAW, was möglich wäre. Damit sind sie fertig, es wird nichts nachbearbeitet. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich verzichte also bewusst (es ginge auch anders) auf das große Display des Smartphones, suche den Bildausschnitt durch ein kleines, quadratisches Fenster und drücke den Auslöser.

Was ich natürlich häufig nutze, ist der kleine Regler neben dem Sucherfenster, der zwischen zwei Brennweiten wechselt, nah und fern :-).

Die Ergebnisse wurden über die Jahre immer besser. Zum einen liefern iPhone-Kameras seit Jahren eine deutlich gesteigerte Qualität, wovon natürlich auch die diversen Foto-Apps profitieren. Zum anderen, und das ist sehr viel entscheidender, beschränke ich mich auf einige Filter, die ich gut kenne und ihre Wirkung in verschiedenen Situationen einschätzen kann. Ich nutze keine Kombis mehr, die zu starke Störungen im Bild, ausgefranste oder zu dominante Rahmen erzeugen. Wenn ich ab und zu mit der zufälligen Wahl der Filterkombination herumspiele, dann begrenze ich die Auswahl auf meine Favoriten und verhindere damit allzu wilde Ergebnisse, wie leider auf folgendem Foto zu sehen:

Mittlerweile liebe ich diese App. Mir gefällt manchmal das Spielerische und immer das Puristische, die Begrenzung, die sich daraus ergibt, wie ich Hipstamatic nutze. Im letzten Jahr habe ich mir ein E-Book über die App gekauft und war doch erstaunt, wieviele Möglichkeiten ich gar nicht kannte ;-), gut zu wissen, brauche ich aber in der Praxis nicht. Ich hatte gehofft, in dem Buch von Jörn Daberkow eine reiche Auswahl an Beispielen für Filterkombinationen zu finden, aber in dieser Hinsicht wurde ich enttäuscht. Das Buch wird inzwischen leider nicht mehr angeboten, daher kann ich es nicht verlinken.

Mittlerweile gibt es zwei Varianten von Hipstamatic. Die ursprüngliche, von mir genutzte App heißt jetzt „Classic“ und eine modernisierte Version namens „Hipstamatic X“, die leider nur als Abo-Modell angeboten wird. Letztere soll nutzerfreundicher sein. Ich habe sie nur kurz ausprobiert, weil ich kein Abo abschließen will. Ich komme damit nicht gut zurecht und finde das Interface einfach nur nervig.
In den nächsten Beiträgen werde ich euch meine Lieblingskombis vorstellen. Hier noch einige meiner alten Hipstas:












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