Gedanken über Altes und Neues

 

Wohnen, Architektur, modern vs. schön

„Gerhard hatte die Türklinke angestarrt. Ein schönes Stück aus Messing, geschwungen und mit einer schneckenförmigen Verzierung am Ende. Die Klinke musste weit über Hundert Jahre alt sein. Und diese Erkenntnis lähmte ihn wie ein Schock. Als die Klinke an der Tür befestigt wurde, hatten die Leute, die das bezahlten, noch nichts von zwei bevorstehenden Weltkriegen gewusst. Sie hatten sich gefreut, ein frisch gebautes Haus mit allem Komfort zu beziehen. Der Türklinke hatten sie vermutlich keine besondere Beachtung geschenkt. Niemand hatte darüber nachgedacht, dass die Klinke ihre Besitzer spielend überleben würde. Für sämtliche Bewohner des Hauses war der Augenblick gekommen, in dem sie diese Klinke zum allerletzten Mal berührten. Plötzlich wollte Gerhard, dass es ihm genauso erginge. Auch er wollte eine Phase im Leben der Klinke sein, die sich nach seinem Tod immer noch an ihrem Platz befinden würde. Er wusste jetzt, dass er dieses Haus erwerben musste. Einen Neubau, in dem alles jünger war als er selbst, hätte er nicht ertragen. Er wollte kein Haus, in dem jede Scheuerleiste seinem persönlichen Gestaltungswillen folgte, wo die Gegenstände seine Herrschaft anerkennen mussten, weil er für ihre Existenz verantwortlich war. Er wollte der Welt nichts neues hinzufügen, sondern das vorgefundene erhalten. Denn darin bestand die heilige Aufgabe dieser hektischen Epoche: Das Bestehende gegen die psychotischen Kräfte eines überdrehten Fortschritts zu verteidigen.“

Aus Unterleuten von Julie Zeh, erschienen im Luchterhand Verlag

Die Gedanken von Julie Zeh gefielen mir, als ich heute morgen meinem Hörbuch lauschte und ich dachte sofort an diese Bilder und habe die zitierte Stelle eingetippt. Ich mag nämlich auch die alten Häuser mit ihren Geschichten, die wir nicht wirklich kennen, die aber in unseren Köpfen entstehen, wenn wir sie betrachten. Auch dies zeugt von der Flüchtigkeit unseres Lebens, eine gute Türklinke hat eine höhere Lebenserwartung als wir.

Alte Türklinke

 

16 Antworten zu Gedanken über Altes und Neues

    • Verfasser

      Danke Katrin, es ist mein erstes Zeh-Buch und angesichts mancher negativer Rezensionen war ich skeptisch, aber genau, sie kann Bilder im Kopf erzeugen und beschreibt die Charaktere auf eine ganz eigene Weise.

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  1. Jörn sagt:

    Hätte ich das Geld, würde ich auch lieber ein älteres Haus kaufen. Mit hoher Decke. Und Stuck. Nicht die Version von heute, bei der man sich – gefühlt – den Kopf stößt, wenn man sich hinstellt.

    Dein erstes Bild oben sieht aus, wie aus der Innenstadt – Nähe Valentinskamp. Da gab es früher noch mehr alte Häuser. Ich kannte sie alle. Auch von innen. Ab und an gehe ich auch noch mal durch das Gängeviertel. Alten Zeiten nachspüren.

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    • Verfasser

      Hohe Decken und Stuck sind was ganz feines, finde ich auch. Stimmt, das Bild ist dort aufgenommen, wo du vermutest. Trostlos sieht es dort aus, nackt und kühl. Die Stadt von morgen?

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  2. Ich hab dann mal ein altes Haus…. Nun ja. …. Aber das ändert nichts an der wunderschönen Sprache Juli Zehs.(deren Literatur ich sehr gerne mag – An dieser Stelle sei ihr Roman „Schilf“ empfohlen). Schöner Text, schöne Gedanken und die passenden Fotos dazu.
    Lg,
    Werner

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  3. Stefan Senf sagt:

    Mir gefällt der Gedanke mit den Leuten, die nichts von der Zukunft (unserer Vergangenheit) wissen konnten und voll Zuversicht die Klinke an ihrem neuen (sic) Haus angebracht haben. Diese Zuversicht fehlt mir heute oft. Sie fehlt sicherlich zurecht, wenn man sich die gesellschaftlichen und ökologischen Entwicklungen weltweit ansieht. Und gleichzeitig ist sie unverzichtbar, um voran zu kommen. Der Blick zurück tut der Seele gut weil er selektiv ist. Unsere Welt und die unserer Kinder ändert sich aber rasend schnell. Da baue ich gerne heute mit Zuversicht neue Türklinken an neue Häuser.

    Aber das ist halt auch mein Beruf.

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    • Verfasser

      :-D. Ich lebe in einem Rand-Stadtteil, in dem Grundstücke zu hohen Preisen verkauft werden, Häuser einfach plattgemacht und neue „Kästen“ nebst Garten-Architektur und Carport errichtet werden. Das Haus selbst entwertet, der Grund zählt. Und diese neuen Häuser haben (noch) keine Seele. Ich habe eine große Zuneigung zu den Häusern auf Teneriffa oder Irland empfunden, die so unendlich viel Seele haben, Häuser, in denen Menschen wohnen, bestrickte Fassaden, bunte Fassaden, schöne Türen, Charisma. Wo findet man das in Deutschland? Hat überhaupt schon mal jemand Türen in Deutschland fotografiert? Weisst du, was ich meine?

      Und abgesehen davon mag ich Geschichte, je älter ich werde 😀

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  4. hansekiki sagt:

    Moin Conny,
    alte Fassaden und Türklinken können Geschichten erzählen, neue Bauwerke müssen erst ihren Platz in der Geschichte finden. Mir gefällt das Alte, aber ich denke, auch das Neue hat seine Chance verdient. Erst die Zeit wird darüber entscheiden, ob es richtig war, sich etabliert oder einfach wieder vergessen wird. Das werden wir aber wohl nicht mehr mitbekommen. Häuserfassaden sind ja durch einen gewissen Zeitgeist geprägt, der, je nach Besitzer, überlebt oder einfach wieder beseitigt wird, weil der „Ertrag“ nicht mehr stimmt. Stuckfassaden müssen der modernen Wärmedämmung weichen und man hat das Gefühl, daß in dem Moment dem Haus auch sein Herz herausgerissen wird. Es ist leider der Lauf der Zeit und man vermisst es oft erst dann, wenn man es endgültig verloren hat. Das gilt besonders für das eigene Dasein. Ich werde irgendwann mein Elternhaus verkaufen müssen, weil ich keine Verwendung dafür habe. Ich möchte dort nicht wohnen und ich weiß, das es sehr schmerzhaft für mich sein wird, wenn eines Tages dieser Schritt gemacht werden muß. Meine eigene Geschichte steckt in diesem Haus, es ist irgendwie ein Teil von mir. Ich muß mich dann trennen, wie von einem geliebten Menschen. Das ist das Leben.
    LG kiki

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    • Verfasser

      Moin Kiki,

      deine tiefsinnigen Gedanken stimmen mich ein wenig wehmütig. Das Haus, in dem man aufgewachsen ist, verkaufen zu müssen, stelle ich mir auch sehr schmerzvoll vor, aber das ist das Leben, da hast du recht. Es wäre doch schön, wenn du später Käufer findest, die das Haus mit neuem Leben füllen, es hegen und pflegen, wertschätzen. Das wünsche ich dir :-).

      Das Leben, die Zeit…. Nun ja, wir leben vielerorts mit den Bausünden der 70er, die waren auch vom Zeitgeist geprägt ;-), so hässlich wird heute zum Glück nicht mehr gebaut.

      LG, Conny

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      • Stefan Senf sagt:

        Ich muss da noch mal in die Bresche springen. Die Bauten der 60er und die 70er haben das pauschale Label ‚Bausünden ‚ nicht verdient. Sie sind Kinder ihrer Zeit und Antworten auf die Fragen ihrer Zeit. Antworten die teilweise kompromisslos waren. Wie die Zeit. Und wie die ‚klassische Moderne‘ auf die sich der ‚internationale Stil‘ beruft. Ich lebe in einem solchen Haus. Ich hab es mir so ausgesucht. Und es ist immer noch ein großartiges Haus (auch wenn das von außen kaum jemand glaubt, der es nicht kennt). Wenn Quartiere der 60er und 70er nicht funktionieren, dann liegt das daran, dass man meist nicht als sozial durchmischte Quartiere geplant hat sondern auf nur eine soziale Schicht zugeschnitten hat. Wenn diese Schicht in Schwierigkeiten gerät, überträgt sich das auf die Quartiere. Das machen verantwortlich handelnde Wohnungsbaugesellschaften heute besser. Also zumindest die, in der ich arbeite 😉

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        • Verfasser

          Ja, so nehme ich das in HH auch wahr, meist wird heute anders geplant. Ich bin in einem 70er Jahre Quartier aufgewachsen, kenne es also von innen. Damals hat das sehr gut funktioniert, heute nicht mehr so. Aber darum ging es mir nicht, Stefan. Ich finde die sog. Plattenbauten einfach optisch nicht schön. Dennoch habe ich mich dort damals sehr wohl gefühlt. 🙂

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  5. Daniel sagt:

    Schöne Zeilen die du dort aufgeschrieben hast… Verbunden mit dem ersten Bild (Oben Links) etwas besonders für mich… Vor einigen Jahren war genau diese „Gasse“ mein täglicher Weg zur Uni. Die Gebäude auf der linken Seite wurden gerade erst fertiggestellt und im Erdgeschoss waren noch keine Geschäfte. Geht man von der Position ca 100 Meter weiter erblickt man auf der linken Seite einen der letzten erhaltenen „alten“ Stadtteile von Hamburg. Oft bin ich stehen geblieben und habe mir das damalige Treiben der „besetzten“ Gebäude angesehen und mich oft gefragt, was diese Mauern wohl schon alles erlebt haben. Wobei die Mauern wohl neuer waren als die Steine, welche die Mauer gebildet haben. Mitte der 40er Jahre stand in Hamburg bekanntlich nicht sehr viel. Für mich in Kombination aus dem Text und dem Bild ein ganz besonderer Bolgeintrag!

    Vielen Dank dafür

    Viele Grüße mittlerweile aus Bielefeld!

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