Dirk Reinartz – totenstill

Heute ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz befreit, 67  Jahre ist das jetzt her. 40 Jahre ist her, dass meine Großtante mir das Tagebuch der Anne Frank schenkte. 34 Jahre ist her, dass ich ein ganzes Schuljahr lang lernte, welch furchtbare Geschichte die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 schrieben.  Mich hat das für mein Leben geprägt und so bewegt mich die Geschichte der Massenvernichtungslager und deren Opfer noch heute.

Letzte Woche war ich in einer Ausstellung, die die Arbeit“St. Georg“ von Dirk Reinartz ausstellt. Da mich die Bilder dieses Fotografen sehr ansprachen, habe ich zu seiner Person recherchiert und stieß auf seinen Bildband „totenstill„, zu dem Christian Graf von Krockow den Text verfasst hat. Dieser Bildband hat mich sehr beeindruckt, sowohl von den Bildern als auch vom Text her. (Einen Eindruck der Bilder kann man hier gewinnen) Im Vorwort zu totenstill schreibt Graf von Krockow:

„Was Gegenwart war, ist in die Geschichte gesunken; unsere Eindrücke stammen aus zweiter oder dritter Hand, aus Berichten der Augenzeugen oder aus Spielfilmen wie „Schindlers Liste“. Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, daß inzwischen Gedenkstätten einer neuen Art erbaut werden, weitab von den Orten des Geschehens, sei es in Washington, D.C. oder in Frankfurt am Main. Natürlich gibt es die Plätze noch, an denen die Lager einst standen, Gedenkstätten jetzt durchweg auch sie, hergerichtet, um Ergriffenheit zu demonstrieren, Mahnreden zu halten oder Blumen, Kränze niederzulegen oder um der Neugier, einem Tourismus des Grauens zu Diensten zu sein, samt eifrig erklärenden Reiseführern und Andenkenverkauf, als handle es sich um Gemäuer des Mittelalters mit ihren Verliesen und Folterkammern. Was kann man da lernen? Sehr wenig, muß man vermuten. Geduld und Genauigkeit wären eigentlich gefordert, dazu ein Alleinsein mit sich und den eigenen Eindrücken, damit die Bilder zu wirken vermögen und die Stille zu sprechen beginnt. Doch die Besuchszeiten sind begrenzt: Nur noch schnell ein paar Fotos! Auf die Erklärer wartet ohnehin schon der Feierabend, wie auf die Besucher ihr nächstes Fahrtenziel. Nach Dachau die Gemütlichkeit in Münchner Biergärten, der bekömmliche Ausgleich: Das ist menschlich, und wer darf darum schelten? Geduld und Genauigkeit: Vielleicht kann ein Buch dazu helfen, eines wie dieses. Denn mit Geduld und Genauigkeit wurden seine Bilder gesammelt, über Jahre hinweg überall in Deutschland und Europa, wo es die Konzentrations- und Vernichtungslager gab.“ (Reinartz/Graf von Krockow in totenstill; Verlag Steidl, 1995)

Die Bilderstrecken enstanden über einen Zeitraum von 8 Jahren, beginnen in Dachau und zeigen insgesamt Fotos aus 26 Konzentrationslagern. Auf den schwarzweißen Bildern sind niemals Menschen zu sehen, so entsteht eine Totenstille, die dem Betrachter Zeit und Raum gibt, die Aufnahmen auf sich wirken zu lassen. Aufnahmen der Gelände, der Anlagen, der Räume, der Krematorien, der Schlafräume, der Folterräume und der Gaskammern. In dem Text zum Buch setzt sich Graf von Krockow auch mit der Frage auseinander, wie sich Individuen und Gruppen  in einer Diktatur verhalten, ja im Grunde mit der Psychologie der Nazi-Diktatur selbst. Im Anhang gibt es zu jedem Konzentrationslager einen informativen Text.

©Dirk Reinartz

Solche Bücher sind keine leichte Kost und die enthaltenen Fotos mag man nicht mit Attributen auszeichnen. Einen solchen Bildband zu empfehlen ist schwierig. Ich finde aber, dass heute genau der richtige Tag dafür ist. Und somit lege ich euch dieses Werk – totenstill – ans Herz.

In Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

 

2 Antworten zu Dirk Reinartz – totenstill

  1. eklof sagt:

    Danke für diese Zeilen! Es gibt eine Stille die schreit. Gespenstisch. Dieser Birkenwald. Stille Zeugen des Grauens. Mahner.

    Ich denke an deinen Artikel zum Thema ‚Bildkritik‘:
    Zunächst ein Weg in einem Birkenwald. Hübsches Bild, schöne Komposition. Dann, mit dem Wissen, wo es entstand, verändert sich alles!
    Je länger ich das Bild betrachte, je tiefer ich in den Birkenwald hineinschaue, je weiter ich mich auf dem Weg vortaste….desto unbehaglicher wird mir, denn ich weiß: Dieser Birkenwald ist nur oberflächlich schön. Kein Waldspaziergang. Kein Erholungsgebiet. Gleich hinter der Wegbiegung wartet unsagbares Grauen.

    Das alles erschließt sich mir nur, wenn ich mir Zeit nehme, das Bild wirken lasse und mich traue, einzusteigen…….
    f.

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