„Viele Aspekte des Motivs, zu denen der Verstand keinen Zugang hat, können über das Gefühl erfasst werden.“ (David Ulrich, Zen –  Der Weg des Fotografen). 

Man kann sich einem Fotoprojekt unterschiedlich nähern. Für mein Projekt, habe ich meine ursprüngliche Herangehensweise über Bord geworfen. Meine Idee war es, mit der Kamera in den Wald zu gehen, Fotos zu machen, diese zu bearbeiten, die Auswahl zu treffen, fertig. So funktioniert es aber für mich nicht. Das geht mir nicht tief genug. In mir ist das Bedürfnis gewachsen, diesen Wald näher kennenzulernen. Ähnlich wie ich bei einem Porträt von einem Menschen auch nicht sofort die Kamera zücke, sondern zuvor den Menschen kennenlerne. Ich möchte mich vertraut machen mit dem Sujet.

Sich erstmal umschauen, fühlen, hören, riechen, sehen. Licht beobachten. Die Gegebenheiten wahrnehmen. Oben, unten, auf Augenhöhe. Mehrmals die Woche bin ich im Wald und entdecke jedes Mal etwas neues. Manches ist mir mittlerweile sehr vertraut und ich beobachte, wie das Wetter oder das Licht zu verschiedenen Tageszeiten ein Motiv verändert. Sich vertraut machen. heißt auch das ganze Gebiet kennenlernen, denn ich kannte bisher eigentlich nur den Teil, den ich bequem zu Fuß erreichen kann. 

Kennt ihr das, wenn ihr unterwegs etwas fotografiert habt und es euch beim nächsten Mal vertraut zu sein scheint? „Ah, da bist du ja, kleiner Pilz. Wer hat denn eine Ecke aus deinem Hut gebissen?“ Manche Objekte begrüße ich im Vorbeigehen, wie einen hohen Baumstamm, den ich unglaublich interessant finde, der aber fotografisch eine Herausforderung für mich ist. 

Das Gebiet wird mir Stück für Stück vertrauter. Ich nehme mit dem Smartphone „Skizzen“ auf, wenn mir etwas interessant erscheint. Ich bekomme so eine gute Vorstellung davon, was ich unbedingt mit der Großen fotografieren möchte und bestenfalls auch wann und wie das gut funktionieren könnte. GPS-Daten inklusive. Einige Male war ich schon mit der Nikon los, jedes Mal mit einem anderen Objektiv. Auch das hat etwas von sich (wieder) vertraut machen.

Die Recherche im Internet war nicht sonderlich ergiebig, erklärte mir aber z. B., warum ein Teil des Waldes hügeliger ist, als die anderen. Es handelt sich um uralte Hügelgräber, wäre ich nie drauf gekommen. Manchmal ergeben sich Gespräche mit Menschen, die schon lange hier wohnen und die mir etwas zum Wald erzählen können. 

So macht es für mich Sinn. Und ich mache es so, wie es sich für mich gut anfühlt. Ich lasse mir Zeit und genieße es. Es darf sich entwickeln. Ab und zu wird es sicher auch mal ein Bild hier geben, zumal ich jetzt schon merke, dass mein Thema auch einige Unterkategorien zu bieten hat.

Auf dem unten eingefügten Bild seht ihr am Horizont einen Teil des Waldes in seiner Länge.

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7 Antworten zu „Vom sich vertraut machen”.

  1. Liebe Conny,
    da hab ich gestern noch in einer Antwort auf einen Kommentar von dir gesagt, dass ich hoffe, bald mal wieder von dir was angucken und lesen zu können – und schwups ist ein neuer Eintrag von dir da.
    Deine Herangehensweise finde ich interessant, sie braucht Zeit und Muße – ich glaube, die hätte ich im Moment nicht. Vielleicht, wenn ich mal im Ruhestand bin … Aber du hast mich jetzt echt neugierig auf deine Fotos vom Wald gemacht. Als ich die erste Sätze gelesen habe, war ich ja noch davon ausgegangen, dass die dann weiter unten zu finden sind.
    Also, lass uns nicht so lange warten … 😉
    Herzliche Grüße
    Ulf

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    1. Guten Morgen, lieber Ulf,

      stimmt, ich habe mir gerade deine Konzertfotos angesehen und mich gefreut, dass du in diesem Jahr wieder dabei bist. Das ist ja sehr umfangreich und auch genug der Fotografie für den Moment.

      Ich hätte nicht mit diesen Erwartungen gerechnet ;-), da für mich Fotografie auch ein Prozeß ist, der von Gedanken begleitet wird, die ich hier teilen will. Ich freue mich in diesem Jahr sehr, wieder deutlich mehr zu fotografieren, über Fotografie zu lesen, mich mit Bildern zu beschäftigen. Die letzten 3 Jahre war das sehr in den Hintergrund getreten.

      Nette Grüße

      Conny

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  2. Liebe Conny,

    genau wie Ulf ging es auch mir… ich habe Bilder erwartet…

    Aber die kommen noch. Ich bin fasziniert davon, wie du an das Projekt rangehst. Und ja, ich kenne das. Was schon mal von mir fotografiert wurde, wird zu einem Freund und jedes Mal wenn ich es sehe, dann erinnere ich mich und grüße (ganz leise… soll ja niemand denken ich sei etwas komisch… wobei etwas komisch zu sein, wird im Alter weniger schwierig 😉 )…

    Ich freue mich auf die Bilder… dein Bild vom Januar war ja schon mal ein erster Blick.
    Liebe Grüße

    Jürgen

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    1. Moin Jürgen,

      ich schrieb gerade Ulf, dass ich mit dieser Erwartung nicht gerechnet habe und auch warum. Stimmt, mit steigendem Alter wird auch manches leichter ;-). Jedenfalls schön, dass es dir mit deinen Motiven ähnlich geht. Ich finde es immer wieder schön und manchmal auch hilfreich, wenn ich mich anhand von Motiven örtlich orientieren kann ;-).

      Nette Grüße

      Conny

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  3. Liebe Conny,

    die Herangehensweise finde ich sehr interessant, vielleicht weil ich meistens eher so wie Du es zu Anfang beschrieben hast. Losziehen, Fotos machen, auswählen und Bearbeiten, fertig. 😉
    Mal wieder ein „echtes“ Fotoprojekt in angriff zu nehmen, fände ich auch sehr erstrebenswert. Im Moment schaffe ich das leider nicht. Das liegt nicht nur an mangelnder Zeit, sondern auch an mangelnder Inspiration. Dein Artikel ist aber ein Anstoss, mir vielleicht auch mal ein „Thema“ zu suchen und fotografisch umzusetzen.

    Ich bin gespannt, wie es mit deinem Projekt weitergeht und freue mich jetzt schon auf weitere Artikel und auf die Fotos dazu.

    Liebe Grüße,

    Thomas

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    1. Hallo Thomas,

      es freut mich, dass meine Gedanken für dich ein Anstoß sind! Wir leben in einer Zeit, in der auch in der Fotografie alles schnell gehen muss, möglichst effektiv, zeitnah verteilt in sozialen Medien, um dann 1 Sekunde betrachtet zu werden. Davon kann man sich durch meine Herangehensweise ein Stück weit frei machen. Sich mit dem Prozeß zu beschäftigen, kann darin Platz finden und der Weg mal wieder das Ziel sein. Mich entspannt es sehr.

      Übrigens habe ich immer noch deine London-Bilder im Kopf, so beeindruckend fand ich sie.

      Liebe Grüße

      Conny

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  4. Das klingt sehr spannend und erinnert mich an die Arbeit von Archäologen, die ja sich ja ein bestimmtes Areal sehr präzise erarbeiten und dokumentieren. Gerade habe ich mit einer Archäologin darüber gesprochen.

    Bin gespannt auf deine Erfahrungen. Für mich (ungeduldigen) wäre es wohl nichts… Aber wer weiß?

    Liebe Grüße,
    Werner

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