ME AND TWO AND 7 MILLIONS

TWO AND TWO AND MILLIONS

Metaperspektive

Es ist dunkel und ruhig hier oben. Fast nichts ist zu spüren von dieser lärmenden, pulsierenden Stadt. Ans Geländer gelehnt lässt sie ihren Blick schweifen, genießt ihn und den lauen Wind, der über ihre feuchte, vom Schweiß etwas klebrige Haut streift. Sie hatte den Nachmittag mit ihrer neu entdeckten Lieblingsbeschäftigung verbracht und viele Eindrücke fotografiert. Anstrengend war es, laut und heiß, aber die Bilder waren eine Verlockung, ein Ruf. Es ist immer noch heiß, denkt sie, zu heiß für mich. Sie sehnt sich nach Hause, nicht in die Wohnung, die sie nun mit ihrer Familie hier bewohnt, sondern nach Hause, nach Deutschland, wo sie jetzt am Abend die kühle Sommerluft in ihrem Garten genießen würde. Vielleicht wäre jemand zu Besuch, der von seinem Alltag erzählt. Vom Alltag zu Hause, der so weit weg war. Paul Young hatte Unrecht, als er sang „Wherever I lay my hat that’s my home“, denkt sie und summt leise die Melodie vor sich hin.  Der Griff um ihre Kamera wird fester, als könne sie die aufsteigenden Gefühle damit wegdrücken. Die Kamera klebt auch. Fast den ganzen Tag hatte sie sie in der Hand gehalten und ihr Handballen brennt von der ungewohnten Belastung. Sie genießt die Streifzüge durch diese fremde Welt, die sie als so widersprüchlich empfindet. Die Bilder waren auf einmal da und sie will sie festhalten, als würde es ihr helfen zu verstehen und hier anzukommen. Und jetzt gibt sie ihr Halt, wie merkwürdig das klingt. Du und ich, wir schaffen das, schien der Griff zu bedeuten. Ihre Gedanken sind in der Heimat. Heimat – ein komisches Wort, denkt sie, ein Wort, das erst hier eine Bedeutung bekam. Ein Wort, das Schmerz hervorruft. Ein Wort, angefüllt mit ihren Erinnerungen und Sehnsüchten. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, alles in einem Begriff, denn was Heimat ihr bedeutet, würde sich sicher nie ändern. Heim – at. Wie dieses Wort wohl entstanden ist?

Ein laut schnaufend vorbeirennender Jogger beendet ihre Grübelei. Jedes Mal erschrickt sie, wenn jemand hier vorbeikommt, in ihre Privatsphäre eindringt. Als würde dieser Platz ihr gehören. Nun, ein bisschen ist er es ja auch. Ihr Platz. Deshalb ist sie so gern allein hier. Im Beisein von Anderen wird er zu einem gewöhnlichen Ausflugsort.

Sie beginnt ihr Spiel zu spielen. Der Anfang ist schwierig, aber dann sucht sie sich eines der vielen Fenster aus und zoomt sich hinein. Stellt sich vor, dass dort gerade jemand stirbt, die Familie in großer Trauer ist. Es wird geweint und geschrien und die Verzweifelung über den Verlust ist groß. Ein anderes Fenster. Zoom. Wird hier vielleicht gerade ein Kind in den Schlaf gesungen? Oder raufen sich zwei Kinder um ein Stück Schokolade? Die Kinder gehen hier nicht früh ins Bett, das weiß sie. Hauswechsel – ein anderer Einblick. Zoom. Vielleicht leidet man hier unter großen finanziellen Sorgen oder eine Liebe geht in diesem Moment für immer verloren. Und daneben – zoom –  spielt ein Mensch mit dem Gedanken an eine Gesichts-Operation, weil man größere Chancen auf dem hart umkämpften Arbeitsmark hat, wenn man europäischer aussieht. Er steckt in einem Teufelskreis. Ohne Arbeit kein Geld für eine OP, ohne OP keine Arbeit, denn davon ist er fest überzeugt, weil es dieser Gedanke einfacher ist als der, nicht gut genug zu sein. Darunter – zoom –  verzweifelt ein Jugendlicher an dem Leistungsdruck seiner Eltern, die gerade lauthals um das Sorgerecht streiten. Er denkt, dass es an ihm liegt, dass sie sich nur wegen ihm und der schlechten Noten streiten und weiß nichts von der Liebschaft seiner Mutter. Hauswechsel. Zoom. Zwei blau schimmernde Penthouses. Ein reiches Ehepaar oder besser: Zwei reiche Singles bewohnen je eines und abends und morgens sehen sie sich durch die Fenster, aber im Fluss der Millionen Menschen sind sie sich noch nie begegnet. Zwei Königskinder.  Sie spielt mit ihrer Phantasie und spinnt sich etwas zurecht, womit sicher seit der Antike hunderte von Erzählungen, Liedern und Groschenromanen gefüllt wurden. Hauswechsel. Ein kleines Fenster. Zoom. Enge und Angst. Sie kann förmlich spüren, wie die Menschen in dieser Wohnung fast ersticken, weil für sie alle der Platz, ebenso wie das Geld, vorn und hinten nicht reicht, seit die pflegebedürftigen Eltern das einzige Schlafzimmer belegen.  In der kleinen Wohnung darunter – zoom – weint eine Frau um verpasste Chancen. Sie hätte es im Leben zu etwas bringen können und nun das. Das, ja was? Ihr fällt nichts ein zu der Frau. Also geht sie weiter in die Nebenwohnung  – zoom – Eine Oma telefoniert mit ihrem Enkel, der in Deutschland studiert. Das Handy hatte er ihr vor seiner Abreise geschenkt und ihr auf einem Zettel sorgfältig aufgeschrieben, welche Knöpfe sie drücken muss, wenn sie ein Gespräch annehmen will. Der Zettel hängt mit dicken Klebestreifen mitten an der Wand. Sie vermisst ihn schrecklich, aber mit der Sorglosigkeit junger Menschen wischt er ihre Sorge vom Tisch, dass sie seine Rückkehr möglicherweise nicht mehr erleben könnte.

Sie spürt, wie Tränen in ihre Augen steigen. Die Geschichte mit der Oma und dem Enkel ist zu dicht an ihrer eigenen. Schluss damit. Ihr Blick wird magisch von den Königskindern angezogen. Welches Schicksal sich wohl wirklich hinter den Wänden dieser teuren Penthouses verbirgt? Millionen von Menschen, über 7 Millionen Menschen leben hier. 7 Millionen Schicksale, leichte, schwere, harte und ungerechte. In diesem Moment ist sie eine von 7 Millionen und ihr Schicksal ist im Vergleich vermutlich ein leichtes, ein aufregendes, ein spannendes und oft sogar ein glückliches.

Der Griff um die Kamera lockert sich und wieder spürt sie die Klebrigkeit ihrer verschwitzen Hand. Es ist Zeit nach Hause zu fahren. Es ist ein Geschenk, das sie hier sein darf, denkt sie. Hier und hier oben.

© Conny Hilker 2013

Ein Beitrag für das Projekt Magic Monday zum Thema „Über den Dächern – oben“.

13 Antworten zu ME AND TWO AND 7 MILLIONS

    • Verfasser

      Ich habe den Film zwar nie gesehen, mir aber gerade die Story durchgelesen. Ja, ein bisschen so war das für „sie“. Meine Story trägt ja sehr starke autobiografische Züge :-).

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  1. janxxgeist sagt:

    So fazinierend, reizvoll und interessant andere Länder, ungewöhnliche Orte und fremde Kulturen sind, manchmal erkennt man erst aus der Ferne was einem die eigenen Wurzeln bedeuten. 🙂

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  2. Werner sagt:

    Für mich ist es manchmal eine Form von Medizin, mich auf diese Ebene, also oben, auf eine „Metaebene“ zu begeben. Von dort läßt sich der eigene Blick wieder schärfen. Von dort lässt sich auf andere und auf anderes hinabblicken (hineinzoomen) und das eigene Leben relativiert sich.angesichts der vielen anderen Menschen.
    Intensive Gedanken.. Schön, dass du mich/uns daran teilhaben läßt.-
    Lg,
    Werner

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  3. Kerstin sagt:

    So ein Ausflug in die Metaebene tut gut – so eine Zeit der Besinnung sollte sich jeder mal gönnen, in unserer schnelllebigen Welt.
    Danke 🙂

    LG, Kerstin

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  4. paleica sagt:

    ein schöner text und ein ganz wudnerbares bild. diese gedanken mit den menschen und den schicksalen, den habe ich auch immer. ichf rage mich oft, wenn ich unterwegs bin, wie das leben der menschen aussieht, die an mir vorbeigehen. wie eine karte aussehen würde, die man zeichnet, weg von dem kurzen anknüpfungspunkt einer solch flüchtigen begegnung.

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    • Verfasser

      Danke. Ja, diese Gedanken relativieren die eigenen Sorgen oftmals und auch wenn man gerade keine Sorgen hat, sind die Möglichen Schicksale der vorbei ziehenden Menschen spannend.

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  5. Luiza sagt:

    Schöne Worte. Wenn ich so besinnlich werde, dann aber eher ins negative, besonders bei der Anzahl von Leuten über die man auf einmal nachdenkt [bin kein Mensch zum „anfassen“, nur in Ausnahmefällen, stelle mir die meisten fremden Menschen immer in dieser Menge tot vor und dann peitscht mich der Eckel. Hab versucht an dem Gedanken zu arbeiten, aber der ist zu fest in mir drin, werde das nicht los:-)].
    Schönen Mittwoch♥

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