
Liest man sich zwecks Erkenntnisgewinn durch manche Foren und Foto-Blogs, stößt man immer wieder auf eine recht dogmatische Haltung: Fotografiere ohne jegliche Automatik im manuellen Modus, alles andere ist unberechenbares Hexenwerk nimmt dir die Kontrolle über die Belichtung. Für diejenigen, denen das nicht ganz so vertraut ist: Du wählst die Blende, die Zeit und die ISO-Einstellung manuell, bestimmt also alle drei Belichtungsparameter. Zu Anfang scheint das schwierig zu sein, geht einem aber irgendwann so in Fleisch und Blut über, dass die Automatiken kompliziert erscheinen ;-). Aber, zumindest für das erste Bild, braucht es immer auch einen kleinen Moment Zeit, um die geeignete Belichtung zu finden.
Als ich neulich für eine Taufe engagiert war, habe ich vorab die Kirche auf die Lichtverhältnisse untersucht und musste feststellen, dass das Licht dort, je nach Wetterlage, eine sehr launische Angelegenheit werden könnte. Ich wollte meine D810, zwei lichtstarke Festbrennweiten, aber auch ein Telezoom einsetzen. Mein Hauptgestaltungsmittel würde hier die Blende sein. Damit entscheide ich darüber, was wo im Bild scharf oder unscharf ist. Mit sich bewegenden Menschen wird aber auch die Zeit wichtiger. Unter eine 1/125 s würde ich bei einer so wichtigen und relativ kurzen Zeremonie nicht gehen. Je nach Brennweite würde die Zeit eher noch kürzer sein müssen. Zwei Belichtungsparameter, die ich unbedingt manuell kontrollieren möchte. Die Lichtverhältnisse in der Kirche waren an unterschiedlichen Stellen sehr verschieden und das bei bedecktem Himmel, also gleichmäßigem Licht.

Was, wenn Sonne und Wolken sich abwechseln? Diese Kirche hat große, klare Fenster, sprich das Licht kommt im Kirchenschiff an. Wie kann ich am schnellsten reagieren? Wenn ich die Kontrolle über die ISO an die Kamera abgeben würde, wäre ich freier und schneller. Die ISO-Automatik kann ich nach oben begrenzen, höher als ISO 3200 finde ich grenzwertig, aber das würde meiner Erfahrung nach auch nicht notwendig werden, trotzdem baute ich den Sicherheitspuffer ein und erhöhte auf ISO 6400. (Um es vorweg zu nehmen: Die Kamera wählte überwiegend Werte zwischen ISO 160 – 2000.) Das wäre doch eine tolle Lösung oder? Die Idee schmiss ich in die Runde und fragte einige Kolleginnen, die übereinstimmend abrieten. Nee, mach das man lieber komplett manuell, wegen der Kontrolle und überhaupt.
Ich schaute meine D810 an. Drehte und wendete sie, bestaunte neben den vielen Einstellungsmöglichkeiten und Knöpfen noch mal den Preis auf dem Kaufbeleg. So viel Geld für so viel Technik und dann kann soll ich der nicht vertrauen? Schwer zu glauben, wenn man darüber nachdenkt. Vorsichtshalber testete ich die Funktion vorab in verschiedenen Lichtsituationen drinnen und draußen.

Und es funktionierte zusammen mit der Mehrfeld- bzw. Matrixmessung bestens. Es war tatsächlich gar nicht nötig, über die Belichtungskorrektur einzugreifen. Erwähnte Taufe fotografierte ich also entspannt mit Auto-Iso und bin von den Ergebnissen ebenso überzeugt wie meine Kunden :-).
Das ist also ein heißer Tipp für Situationen, in denen du „normal“ (im Sinne von korrekt) und aus der Hand belichten willst, schnell reagieren musst und, wie oben beschrieben, Blende und Zeit kontrollieren möchtest. Wenn du Zeit hast, brauchst du das nicht zwingend, aber es schadet auch nicht ;-). Es sei denn, du willst die ISO im Griff haben, wie z. B. bei Nachtaufnahmen oder Langzeitbelichtungen. Und selbstverständlich denke ich, es ist nicht nur absolut von Vorteil, sondern extrem wichtig, dass du die komplett manuelle Belichtung, also alle drei Belichtungsparameter verstehst und anzuwenden weißt. Nur dann bist du für wirklich alle denkbaren fotografischen Aufgaben gewappnet und verstehst auch erst, was eine Automatik tut und was da gerade nicht passt, wenn die Kamera beispielsweise zu dunkel oder zu hell belichtet.
Wenn du dich intensiver in die Thematik einlesen möchtest, empfehle ich diesen Artikel von Franz Engels, der die ISO-Automatik gut und ausführlich erklärt:

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