Portrait mit Tüll

 

Menschen zu portraitieren erfordert immer ein hohes Maß an Empathie und Fingerspitzengefühl, besonders wenn diese Situation neu und ungewohnt für diejenigen ist. Als Fotografin möchte ich mit der nötigen Sensibilität eine Wohlfühl-Atmosphäre schaffen und eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen. Bei diesen Aufnahmen bot sich ein großes Tüll-Netz an, mit dem man ein wenig mit dem Grad des Sichtbarseins spielen und woran man sich auch ein bisschen festhalten kann. Mir ist wichtig, dass der Mensch, der sich mir und meiner Kamera zeigt, wirklich wohl damit fühlt. Dann braucht es auch nicht mehr vieler Worte, dann ergibt sich ein Dialog auf einer anderen, tieferen Ebene, der mitunter sehr intensiv sein kann. Ich mag diesen Prozess und empfinde ihn für beide Seiten bereichernd.

Walter Shels sagte in einem Interview, er sei ein Moll-Mensch und würde das unmotivierte Lächeln in der Portraitfotografie nicht mögen, welches ein Mensch nur aufsetzt, um zu gefallen. So geht es mir auch. Meine Lieblingsportraits zeigen fast nie lachende Menschen, ich mag die ernsten oder melancholischen Gesichter, weil sie (mir) mehr über die Person erzählen. Und sie erzählen auch etwas über mich.

 

12 Antworten zu Portrait mit Tüll

  1. Stefan Senf sagt:

    Und dabei sehen die Bilder so ernst gar nicht aus 😉

    Ich mag sehr das ganz nebelhafte linke Bild. Als Bild. Das Vertrauen der das Wohlfühlen spürt man aber lustigerweise eher im verspielten rechten Motiv, das auf mich fast wie eine angenehm verschlafene Aufnahme im Bett wirkt.

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    • Verfasser

      Du hast Recht, diese sind nicht ganz so ernst vom Ausdruck her, aber wenn ich durch meine Portraits blättere oder in Bildbänden anderer Fotografen stöbere, sind es auffallend oft die ganz ernsten Aufnahmen, die ich besonders mag.

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  2. Jetamele sagt:

    Wozu auch immer Lächeln? Wir Menschen bestehen doch aus so viel mehr Facetten, über jede gibt es viel verschiedenes zu erzählen. Ich glaube, das ist so eine alte Last (das ‚Ferienreisenerinnerungsichstehvordembrunnenundeswarsoootoll-Lächeln‘ oder ‚ichbinnurschönwennichglücklichaussehe-Lächeln‘), dass auf Fotos immer gelächelt werden soll. Die kann man wohl getrost abstreifen. Gute Beobachtung schält (auch) viel anderes, vielleicht sogar interessanteres, heraus.
    Tolle Bilder.

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  3. Nahaufnahme. sagt:

    Sehr schöne, sensible Porträts!!! Habe kürzlich gelesen, dass ein Foto von einem Menschen meist mindestens genauso viel über den Menschen HINTER der Kamera erzählt wie vor der Kamera… und ich glaube, das stimmt… wenn ich Menschen porträtiere, habe ich immer das Gefühl, Teile von mir in ihnen zu sehen… je mehr Menschen ich porträtiere, desto mehr Teile meiner selbst sammle ich ein…
    Lächeln finde ich nicht notwendig… wenn es aber echt aussieht, dann darf gerne jede Mimik sein, die gerade aus uns herauskommt;-)… Du hast das hier wirklich sehr schön, feinfühlig und ausdrucksstark gemacht!

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  4. hansekiki sagt:

    Moin Conny,
    was über das unmotivierte Lächeln geschrieben wird, kann ich jeden Tag in meinem Personalausweis oder Führerschein betrachten 😀
    Ich habe oft das Gefühl, das ein ernster Gesichtsausdruck „ehrlicher“ wirkt, es läßt eine Nähe zu, die durch ein Lächeln eher abgelenkt wird.
    LG kiki

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  5. Conny, das sind wirklich sehr schöne und ungewöhnliche Portraits, weil sie durch den HighKey und die Körnung ein ungewöhnliches Zusammenspiel bieten. Der HighKey könnte einen im ersten Moment dazu verleiten anzunehmen, dass auch Weichzeichner/Hochglanz folgt. Die grobe Körnung könnte das Klischee aufblitzen lassen, dass auch dunkle, abgerockte Kontraste folge. Is aber nicht. Du hast es halb besonders gemacht.

    Habe die Tage mit Heidi (NAHAUFNAHME) über ihren ersten Shoot in einem Fotostudio gesprochen. Da ich das noch nie gemacht habe, tauchte bei mir die Frage auf, ob da mehr Druck auf Fotograf und Model entsteht, weil man ja keine weitere Ablenkung hat, in die man fliehen kann. Bei einem Shoot in der Natur, kann man sich ja noch hübsch hinter einem Busch verstecken. Im Studio, steht man sich unausweichlich gegenüber. Die Idee mit dem Tüll, ist natürlich großartig, auf eine emotionale Art nur so viel von sich Preis zugeben, wie man möchte. Wie die Bettdecke in heißen Sommernächten, die man zwar nicht braucht, sich aber trotzdem festhält. Ich habe das schon ein paar mal bei Kindern beobachtet, die zwar nicht unbedingt komplett aus einer Aufnahme verschwinden wollen, durch ein vorgehaltenes Kleidungsstück dann aber trotzdem soviel preisgeben, wie sie wollen.

    LG, Markus

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